Donnerstag, 22. September 2011

Nicholini's - I


Es begann alles auf dieser Bank. Das war schon etwas surreal, in einer Stadt, in der sonst keine Bänke irgendwo stehen ausgerechnet auf einer Parkbank für zwei Stunden zu schlafen. Aber da standen drei Gestalten, die noch etwas unklar waren, ein Strohhut, die Reinigungskraft und dann diese beiden in komischen blauen Polos – Gärtner. Ich setzte mich auf und sagte einige Worte in ihrer Sprache, ich erinnerte mich kaum noch an etwas, schaute dann auf meine Tasche uns öffnete den Reisverschluss – ich war noch betrunken – und fand eine halb leere Flasche „King Robert II. Vodka“. Warum muss man nur in bestimmten Fällen so geschmacklos werden, wenn man betrunken ist, für das zehnfache hätten wir schließlich auch Grey Goose haben können. Aber so war nur eine weitere Flasche eines namenlosen Fusels ins Land gegangen. Aber was sollten wir jetzt machen, Heinrich setzte sich auch auf. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich erblickte die Central Library, mein Kopf tat nicht besonders weh und ich wusste, ich wusste genau, dass ich Wechselsachen in meinem Duffle-Bag hatte. Die Tatsache, dass ich eine Cord-Hose trug, verschlimmerte das Ganze nur, weil es den billigen Schatten einer mit Brokat bezogenen Parkbank imitierte – aber das hier war ein öffentlicher Park. Am VLT Automaten zogen wir uns erst einmal einen Aquarius – wir waren nun in der Lage zu gehen und einigermaßen zu koordinieren, was jetzt folgen sollte. Ich rief Hans an, denn, jetzt fiel es mir wieder ein, wir sollten doch bei Hans schlafen, nur deshalb waren wir aus Central nach Causeway Bay gekommen, wir hatten den Danzka vom Flughafen noch geleert, aber Hans war trotzdem nicht zu erreichen gewesen, aber nun müssten wir ihn doch erreichen können. Ich hasse diese Leute, die iPad 2 und iPhone 4 besitzen, Praktika bei Private Equity Firmen machen, deshalb hierher kommen und trotzdem nicht in der Lage sind sich an einfache Abmachungen zu halten und ihren mobilen Fernsprecher abzunehmen, wenigstens den Anstand zu sagen: Sorry, ich bin hier gerade beschäftigt mit einer halb-nackt kotzenden Kate, wenigstens diesen Anstand sollte man haben, dann wären wir vielleicht auf die Idee gekommen an einem sinnvolleren Ort zu schlafen. Aber ja, wir hatten auch noch woanders geschlafen, wir waren zuerst in der Lobby eines Express by Holiday Inn, obwohl diese Untaten ja gar keine Lobby haben – aber da der China Travel Service mit in dem Gebäude residiert, gibt es dort einen Cola Automaten sowie zwei Sofas. Diese Sofas genügten uns, bis wir freundlich daraufhin gewiesen wurden, dass man hier nicht schlafen könne. Ich hatte dann die glorreiche Idee, dass, wenn man tagsüber in der U-Bahn manchmal einschlafe, man doch auch Nachts so richtig in der U-Bahn schlafen könnte. Doch meine Octopus-Karte war inzwischen leer und so musste ich sie aufladen, aber da meine gesamte Barschaft an den Beijing-Club übergegangen war, brauchte ich einen Geldautomaten. Jetzt ist es aber so, dass es in Causeway Bay, in Times Square nähe kaum brauchbare Automaten gibt. Ich suchte also rest-betrunken fast eine halbe Stunde lang einen Bankautomaten und schaffte es dann noch 1000 Hong Kong Dollar abzuheben. Ich ging dann zurück zur Station, Heinrich schlief sitzend an die Wand gelehnt, alles von sich gestreckt, um meine Octopus Karte aufzuladen und dann konnte ich endlich durch das Drehkreuz gehen. Allerdings hatten wir auf halbem Weg zwischen der ersten und der zweiten Station unbändigen Durst. Diesen zu stillen vermochte nur ein 7-11 oder OK. Deshalb stiegen wir in Tin-Hau aus und ich trank über 1.5 Liter direkt in Form von Pocari Sweat und Purified Water, ich bezahlte natürlich bargeldlos mit meiner Octopus Karte. Dann war es mir wohl eingefallen: Victoria Park…
Es klingelte. Hans nahm dann auch ab. Wir besprachen uns kurz, meine Stimme war gänzlich derangiert. Als Treffpunkt wurde die Bibliothek ausgemacht, da nach könnten wir dann zu ihm gehen und noch ein wenig schlafen, denn die Planung, weswegen wir auch am Vortag nichts gegessen hatten, war ja, sich heute zum Sunday Brunch im Conrad Hotel, genau gesagt im Nicholini’s zu bewegen, dem Restaurant, welches 18 Mal in Folge zum besten Hong Kong’s gewählt worden war. Wir sollten kurz warten und ihn dann erblicken, den Finnen. Da kommt er mit seiner MK-Brille und irgendeiner Tiger of Sweden Hose – dazu dieser Blick den man nur haben kann, wenn man einfach die kollektive Überlegenheit über 99 Prozent der Erdbevölkerung am Abend vorher deklariert hat und darauf anstieß, demnächst absolut gewissensloser Investment-Banker zu werden. Dann gehen wir zu seinem Serviced-Appartment. Alles mächtig klein und kostet seinen Arbeitgeber trotzdem in etwa fünfmal ALG-II pro Monat – dafür gibt’s dann schon eine Nasszelle, die zwar aussieht wie in einem Prozess gegossen, aber der Wahnsinn ist eigentlich, dass es ein Fenster gibt, durch das auch wirklich Licht hereinscheint. Kate lag noch in seinem Bett und sie hatte in Kleid aus einfachem Jersey, aber keinen BH an und ich war plötzlich von Neid erfasst. Dann trank ich 920 ml Aquarius und auch noch Wasser. Dann legten wir uns zu viert in das Bett denn woanders konnte man dort nicht schlafen. Da so auch niemand schlief, schaute ich mir Facebook auf Hans‘ iPad 2 an. Nach einer Stunde wurde mir übel. Ich bin das ganze Wasser wieder auskotzen gegangen, hatte aber nichts mit dem Alkohol zu tun, war einfach zu viel gewesen. Wir legten uns fest – wir wollten zu Nicholini’s, denn wir hatten nicht umsonst den Aufwand um Reservierung und Warteliste gemacht, doch Enttäuschung befiel mich partiell: Es wurde tatsächlich diskutiert, ob man Champagner trinken würde, wobei ich mich festlegte, dass ich trinken würde, denn der Brunch wäre sonst nicht das Gleiche. Zwanzig Minuten vor unserer Reservierung sagte ich dann, wir müssten jetzt doch schon mal los – und so verließen wir das Gebäude und das war scheiße, weil ich keine Sonnenbrille dabei hatte, dabei war es so hell und ich fühlte mich komisch. Wir stiegen in ein Taxi und fuhren zum Conrad Hotel, Kate hatte jetzt wieder einen BH an, aber das half alles nichts, die Tatsache, dass Hans sein iPhone nicht befummeln konnte, führte dazu, dass wir den Beijing Club verlassen hatten und ohne Mädchen endeten.

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