So verließ ich eines Abends das in Samt und anderen reichen Stoffen ausgekleidete Zimmer meiner Unterkunft - ich kann den kalten Anblick nackten Steins nicht ertragen - um noch ein wenig spazieren zu gehen, am Kanal. Denn am Kanal ist es mir möglich, im Licht der entzündeten Straßenlichter, zu lesen und zu denken, sind doch die Räume in ihrer Dunkelheit stets allzu bedrückend. Nun als ich mich dem Rialto näherte, sah ich eine Gruppe fein gekleideter Leute die Brücke überqueren. Da meine Erscheinung mich als ihrer ebenbürtig auswies, boten sie mir an ihnen sogleich zum Strand von Lido zu folgen, zum Excelsior. Als ich bereits bestrebt war abzulehnen erblickte ich, wie wahres Sonnenlicht in den Augen des Sehenden, das blonde Haar einer der Damen und ich konnte meine Augen nicht von ihrer Gestalt lassen, denn sie stand dort wie Inge immer gestanden hatte und ich musste an Hans denken, der Schiller nie gelesen hatte, der also auch kaum die Leidenschaft nachempfinden konnte und so war ich mir sicher, dass ich dieser nachgehen müsste, sie schien der Ursprung der reinen Schönheit zu sein und ich wollte mit dieser unbekannten Gruppe nun den Leidenschaften nachgehen, die Hans und Inge immer zu fühlen schienen, die ich jedoch nie völlig erschloss, die Leidenschaft Schillers zwar, aber doch, schneller und ohne Schmerz. Und der, welcher mich soeben erblickt hatte, führte uns nun zu einer Anlegestelle nicht weit vom Rialto und wir nahmen ein Boot und fuhren über die nächtliche Lagune hinüber zum Lido. Wir begaben uns sogleich in den Salon des reich gestalteten Hauses. Die Damen wünschten Getränke und so bestellte der gut gekleidete Herr, er war tatsächlich etwas älter als ich selbst, aber bewahrte sich trotzdem den Glanz der Jugend, Cristal Roederer, denn wir waren tatsächlich so etwas wie die neuen Zaren unserer Zeit. Der Schmerz den ich früher empfunden hatte, er schien wie eine schmerzverzerrte Erinnerung irgendwo in meinem Kopfe zu warten, er schien sich in mein Herz eingenistet zu haben, so dass dieses blutleer geworden war. Ich saß nun, wir waren wohl zu acht insgesamt, neben der Dame, deren Haar Inges so gleich kam und wir tranken aus Baccarat und in mir nun erwachte die Erwartung, die Erwartung es müsse doch bald die einfache Leidenschaft erwachen, die welche Hans nun stets gefühlt hatte, wenn er über das einfache Reiten sprach, diese Energie, aber ich schien doch immer noch ich selbst zu sein. So war es mir eine Ehre, eine weitere Flasche Cristal zu erbitten und langsam nun, wusste ich was mir heute zum Genuss gereichte, gereichen musste. Ich entfernte mich von der Gruppe, um dem notwendigen Geschäfte nachzugehen. Als ich nun das in Gold und Marmor getauchte Zimmer zu verlassen gedachte, überdachte ich noch einmal meine Erscheinung und entschied mich, meinen Scheitel der rechten Seite hin zu kämmen, auch ein wenig Erfrischung im Gesichte schien mir gut zu tun, denn eine gesunde Röte hatte mich erfasst, aber so beschwingt war ich doch gewillt an den Tische zurück zu kehren. Doch nach dem Verlassen des Zimmers und dem Heraustreten in das Vorzimmer erblickte ich das blonde Haar, ich erblickte sie, neben welcher ich gerade noch gesessen hatte und sie schien auf mich zu warten. Nun zog sie mich an der Taille heran und sagte, es sei gar zu früh sich völlig dem Cristal hinzugeben, das täten nur Zaren, deren Höfe niemals genug sein könnten. Und sie übergab mir eine Maske in der Art des hier äußerst beliebten Karnevals. Dann senkte sie eine identische auf ihr eigenes Gesicht und nahm ihre Hand, ihre scheinbar fragile, feine Hand, eine Hand wie sie zwar fern von den Kinderhänden Inges war, aber doch die gleiche Art der Bewegung vollführte, um nun meine Maske über meine Augen zu schieben. Dann nahm sie meine Hand, welche zwar mit der Anziehung der Kunst wohl vertraut war, sich aber der einfachen Gefühle stets verwehrt, welche doch immer die simple Feinheit bewundert und sie doch als Belastung empfunden hatte. Dann verließen wir den Vorraum und begaben uns in Richtung der großen Treppe, die uns nach oben führen sollte. Das erste Obergeschoss schien nun schon sehr weit entfernt vom Strand von Lido, aber sie ging voran, elegant schreitend auf brokatenem Teppich in ihrem seidenen Kleid, sie schien in diesem Lichte, diesem gedämpften Lichte, welches keines ist, geboren. Nicht allzu lang noch schritten wir den Gang herunter und dann erschien in ihrer Hand ein goldener Schlüssel, welchen sie mir in meine Hände legte, eine Aufforderung, so schien es, denn wir waren stehen geblieben vor einem der Zimmer auf dieser Etage. Ich nahm den Schlüssel und drehte ihn im Schloss um, ahnend, aber nicht wissend was nun kam in dieser Choreographie, die mir schon wieder einfach und gewöhnlich erschien und doch musste ich die Konsequenz beweisen, meinen Weg hier nicht zu unterbrechen, nicht abzubrechen, nur so würde sich mir das Umfassende der Welt, die Grundidee, die Architektur, die Kunst sehen muss, erschließen. Also öffnete ich die Tür und trat hindurch, betrat unbekanntes Territorium im Dämmerlicht und fühlte bereits ihre Hand auf meiner Schulter und die Tür schloss sich und hier war nun also das was Hans und Inge so einfach machte, nur war es hier nicht sauber, nicht rein, es war an diesem Ort nur Sünde. So nahm ich im Morgengrauen ein Boot das mich dem Rialto entgegentrug und schrieb und las und zahlte den Preis meiner Taten, gänzliche Verwirrung, nun erinnere ich mich kaum noch an die Gruppe und kaum noch an die Dame, aber ich erinnere mich wohl an die Treppe und den Cristal und es bleibt kaum etwas anderes, aber ich weiß nun was hinter dem Strand von Lido steckt, mein Sinn für die Dinge ist gänzlich geschärft.
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