Freitag, 16. September 2011

A330-200


Der untere Teil meines Sitzes bewegte sich nach oben. Ob ich denn gerne Saft, Wasser oder Champagner hätte. Ja hätte ich gerne, natürlich, letzteres. Es war dann tatsächlich Glas, welches auf der breiten Armlehne stand, Geschmack, trocken bekannt.  Schon fragte ich mich warum es nicht losging, wir saßen ja nun alle, dann aber, der Blick nach hinten und 207 Antworten, Terrakottafarbig verschwommen, Terrakotta gibt es ja jetzt überall, das ist so schön mediterran, erinnert einen an das tolle Jahn-Reisen Hotel "Im maurischen Stil", total authentisch, klasse. Ob ich noch etwas mehr Roederer, Bestätigung fand sich in der Weinkarte, wolle, wollte ich. Ich brachte den Sitz dann in eine aufrechte Position und begutachtete das Amenity Kit - gebrandete EarPlugs, gebrandete Zahnbürste inklusive gebrandeter Zahnpasta, gebrandete Schlafmaske, gebrandete Komfort-Latschen (die sind das wichtigste, die braucht man zu Hause unentwegt) und überraschenderweise zwei 30ml-Reisegröße Tuben von l'Occitane, was gut war, Handcreme und Moisturizer. Ich packte alles wieder in die blaue Tasche und stellte sie auf die obere Kante des Vordersitzes, dort wo die Flugbegleiterin sie abgestellt hatte. Wir begannen dann zu rollen, anschnallen. Wir rollten und rollten und ich war erleichtert, dass neben mir und auf den zwei Sitzen an der Fensterseite auch niemand saß, meine Tasche saß neben mir, genauso wie das fast leere Glas Roederer, außerdem eine Plastikkugel in Orange-Blau. Sie enthielt eine Spielzeugfigur der Aliens aus Toy Story und war ein Geschenk, welches mir Lily gestern gegeben hatte. Wir waren zusammen in Mong Kok gewesen, in einem dieser Shopping Center, die man nur als solche erkennt, wenn man Hello Kitty als legitimes Designkonzept anerkennt. Da oben also standen diese Automaten und sie sagte, ich würde morgen ja fliegen. Ich hatte gesagt, die Aliens seien meine Lieblingsfigur, deshalb standen wir jetzt vor einem Toy Story Automaten, aber wenn ich Pech hatte wäre ich mit Buzz Lightyear, bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter, konfrontiert. Sie steckte eine Münze in den Automaten und das Drehen versetzte mich in eine wunderschöne Zeit, in der Spielzeuge an sich noch genug waren, als Penne Nudeln und Soße mit Steinpilzen einfach nur keine Tomatensoße war, aber nun bekam der Alien Signifikanz, ich würde nie wagen ihn auszupacken, er war so komplex geworden, wie er einfach in meinem Kopf „Ohh, die Kralle“ sagte. Die Plastikkugel, es war tatsächlich der Alien darin gewesen, war die Erinnerung an etwas, an jemanden, konserviert in einer Banalität, aber nur sichtbar für zwei Personen. Ich nahm sie in meine Hand und richtete den Blick nach draußen - Chep Lap Kok, es war als wenn man mich gerade deportierte, nur halt etwas netter. Die vordere Achse verließ den Boden, alle 10 Amenity Packs, tatsächlich 12 freie Plätze, fielen zu Boden, ein synchroner Aufprall, wie der meiner Gedanken, die von der Kugel angezogen wurden und dabei schwammen sie seicht auf dem Sitz, Liegeposition jetzt und dem Blick auf einen unbekannten Schmerz, den das alles betäubte, durch die Beinfreiheit schien jede Paranoia verschwunden.
Als wir etwa 25000 Fuß erreicht hatten kam jetzt eine Stewardess auf mich zu und fragte mich, wie sie mich ansprechen solle während des Fluges, ich überlegte kurz von Kaiser Wilhelm bis König von Sandburgia und sagte dann: Jean. Dann erbat sie auf Englisch mit diesem russischen Akzent meine Präferenz in Hinblick auf Reihenfolge der fünf Gänge sowie der Frage ob ich überhaupt alle Gänge wünsche, selbstverständlich wünschte ich alle Gänge. Die Frage nach der präferierten Getränkewahl, klar, grundsätzlich Cola Light mit Eis und Zitrone, dazu den Sauvignon Blanc, aber zum Appetizer ein Glas Champagner. Dann war sie wieder weg. Ich schaute Fernsehen und nahm die Kugel alle paar Minuten in meine Hand, sie schien etwas zu beruhigen. Ich schaute dann eine Dokumentation über den Bau des Shanghai World Financial Centers - Die Pfahl-Platten-Gründung schien so herrlich bodenständig, dass ich fast vergessen hätte, mich zurück zu lehnen, als der Tisch ausgeklappt und eingedeckt wurde. Ich hätte ja gerne die Karte rauf und runter getrunken, aber alleine war das irgendwie wie Bier in Lidl-Plastikflaschen. Der Wein klang besser als er schmeckte, aber Champagner war ja Gott sei Dank so eine Art Naturkonstante, die war vielleicht nicht überall gleich, aber man konnte sich ungefähr vorstellen was man bekam. Ich lag nun, in meiner Adidas Jogging Hose, grau, mit bunten Diesel-Socken und einem Abercrombie und Fitch Holzfällerhemd auf einem Sitz-Bett - wie ein Hipster auf dem Weg zum nächsten hip-tastischen Hotspot. Ich lag da also faul in einer Flugzeugdecke mit Flugzeugkissen, bedruckt mit Werbung eines Spirituosenherstellers, das wäre was für so eine Kleiderbox kam mir in den Sinn. Da würden die allseits geliebten Kinder in Afrika dann in Vodka-Decken gehüllt die Destillationsgrundlage für das Ernten, was bei Penny vorne an der Kasse steht, für die, die sich trotz Vodka nie entscheiden mussten ob nun Belvedere oder Grey Goose ihr Lieblingsvodka ist, die letztendlich irgendwie das Ende dieser fatalen afrikanischen Supply Chain sind.
Ich vermisse Lily, alleine fliegen ist scheiße. Dann kommt der Salat, Gang Nummer zwei, ist super, die Doku ist jetzt vorbei, der Weißwein auch und deshalb nehme ich ein Glas vom argentinischen Cabernet Sauvignon. Jetzt Simpsons und Musik abwechselnd, essen im Liegen, nochmal die Bitte nach dem Brotkorb, Mini-Mohnbrötchen, ist eigentlich ganz gut. Nach dem Essen nehme ich dann noch ein Glas Cognac, Hine. An Whisky gab es nur Chivas Regal und der ist Schwellenländer-Gesöff, in Peking mixen den alle mit diesem ekelhaft-süßen Tee, aber da gibt es auch mehr Tische als Dancefloor Fläche im Club...Vorm Boarding hatte ich Lily noch kurz angerufen, aber jetzt frage ich mich was wohl ist, wenn ich mal wieder komme, ich kann die Frage nicht beantworten, vermutlich einfach eine weitere Episode der gleichen Geschichte.
Wir sind bald da, in einer Stunde, gut, weil die Toilette trotz nur 10 Benutzern leicht ramponiert aussieht. Die Flugbegleiterin teilt Priotity Lane Kärtchen aus, für die Einreise, aber ich steige sowieso nur um, habe sie dann auch gleich verlegt. Dann liegen und Fernsehen schauen, ich nehme die Kugel in meine Hand, höre noch etwas Musik mit den Kopfhörern. Wir sind dann irgendwann gelandet und Ich war aus dem Flugzeug schnell raus. Am Flughafen kaufte ich noch eine Flasche Vodka, dann habe ich mich zu T.G.I. Friday‘s gesetzt und Burger gegessen, dazu gab es dann noch einen Long Island Ice Tea. Dieser könnte der Grund dafür gewesen sein, dass ich mir dann vorstellte an irgendeinem abstrakten, transzendenten Ort zu sein, aber das fühlte sich immer noch besser an, als am Flughafen zu sitzen. Die Kugel war neben meinem Pass in meiner Hosentasche, in der kleinen braunen Polyester-Tasche, eigentlich viel zu eng für den kleinen Alien, aber da war er sicher, denn ohne ihn könnte ich nicht ankommen.

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