Der untere Teil meines
Sitzes bewegte sich nach oben. Ob ich denn gerne Saft, Wasser oder Champagner hätte.
Ja hätte ich gerne, natürlich, letzteres. Es war dann tatsächlich Glas, welches
auf der breiten Armlehne stand, Geschmack, trocken bekannt. Schon fragte ich mich warum es nicht losging,
wir saßen ja nun alle, dann aber, der Blick nach hinten und 207 Antworten,
Terrakottafarbig verschwommen, Terrakotta gibt es ja jetzt überall, das ist so
schön mediterran, erinnert einen an das tolle Jahn-Reisen Hotel "Im maurischen
Stil", total authentisch, klasse. Ob ich noch etwas mehr Roederer,
Bestätigung fand sich in der Weinkarte, wolle, wollte ich. Ich brachte den Sitz
dann in eine aufrechte Position und begutachtete das Amenity Kit - gebrandete
EarPlugs, gebrandete Zahnbürste inklusive gebrandeter Zahnpasta, gebrandete
Schlafmaske, gebrandete Komfort-Latschen (die sind das wichtigste, die braucht
man zu Hause unentwegt) und überraschenderweise zwei 30ml-Reisegröße Tuben von
l'Occitane, was gut war, Handcreme und Moisturizer. Ich packte alles wieder in
die blaue Tasche und stellte sie auf die obere Kante des Vordersitzes, dort wo
die Flugbegleiterin sie abgestellt hatte. Wir begannen dann zu rollen,
anschnallen. Wir rollten und rollten und ich war erleichtert, dass neben mir
und auf den zwei Sitzen an der Fensterseite auch niemand saß, meine Tasche saß
neben mir, genauso wie das fast leere Glas Roederer, außerdem eine Plastikkugel
in Orange-Blau. Sie enthielt eine Spielzeugfigur der Aliens aus Toy Story und
war ein Geschenk, welches mir Lily gestern gegeben hatte. Wir waren zusammen in
Mong Kok gewesen, in einem dieser Shopping Center, die man nur als solche
erkennt, wenn man Hello Kitty als legitimes Designkonzept anerkennt. Da oben
also standen diese Automaten und sie sagte, ich würde morgen ja fliegen. Ich
hatte gesagt, die Aliens seien meine Lieblingsfigur, deshalb standen wir jetzt
vor einem Toy Story Automaten, aber wenn ich Pech hatte wäre ich mit Buzz
Lightyear, bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter, konfrontiert. Sie
steckte eine Münze in den Automaten und das Drehen versetzte mich in eine
wunderschöne Zeit, in der Spielzeuge an sich noch genug waren, als Penne Nudeln
und Soße mit Steinpilzen einfach nur keine Tomatensoße war, aber nun bekam der Alien
Signifikanz, ich würde nie wagen ihn auszupacken, er war so komplex geworden,
wie er einfach in meinem Kopf „Ohh, die Kralle“ sagte. Die Plastikkugel, es war
tatsächlich der Alien darin gewesen, war die Erinnerung an etwas, an jemanden,
konserviert in einer Banalität, aber nur sichtbar für zwei Personen. Ich nahm
sie in meine Hand und richtete den Blick nach draußen - Chep Lap Kok, es war
als wenn man mich gerade deportierte, nur halt etwas netter. Die vordere Achse
verließ den Boden, alle 10 Amenity Packs, tatsächlich 12 freie Plätze, fielen
zu Boden, ein synchroner Aufprall, wie der meiner Gedanken, die von der Kugel
angezogen wurden und dabei schwammen sie seicht auf dem Sitz, Liegeposition
jetzt und dem Blick auf einen unbekannten Schmerz, den das alles betäubte,
durch die Beinfreiheit schien jede Paranoia verschwunden.
Als wir etwa 25000 Fuß
erreicht hatten kam jetzt eine Stewardess auf mich zu und fragte mich, wie sie
mich ansprechen solle während des Fluges, ich überlegte kurz von Kaiser Wilhelm
bis König von Sandburgia und sagte dann: Jean. Dann erbat sie auf Englisch mit
diesem russischen Akzent meine Präferenz in Hinblick auf Reihenfolge der fünf
Gänge sowie der Frage ob ich überhaupt alle Gänge wünsche, selbstverständlich
wünschte ich alle Gänge. Die Frage nach der präferierten Getränkewahl, klar,
grundsätzlich Cola Light mit Eis und Zitrone, dazu den Sauvignon Blanc, aber
zum Appetizer ein Glas Champagner. Dann war sie wieder weg. Ich schaute
Fernsehen und nahm die Kugel alle paar Minuten in meine Hand, sie schien etwas
zu beruhigen. Ich schaute dann eine Dokumentation über den Bau des Shanghai
World Financial Centers - Die Pfahl-Platten-Gründung schien so herrlich
bodenständig, dass ich fast vergessen hätte, mich zurück zu lehnen, als der
Tisch ausgeklappt und eingedeckt wurde. Ich hätte ja gerne die Karte rauf und
runter getrunken, aber alleine war das irgendwie wie Bier in
Lidl-Plastikflaschen. Der Wein klang besser als er schmeckte, aber Champagner
war ja Gott sei Dank so eine Art Naturkonstante, die war vielleicht nicht
überall gleich, aber man konnte sich ungefähr vorstellen was man bekam. Ich lag
nun, in meiner Adidas Jogging Hose, grau, mit bunten Diesel-Socken und einem
Abercrombie und Fitch Holzfällerhemd auf einem Sitz-Bett - wie ein Hipster auf
dem Weg zum nächsten hip-tastischen Hotspot. Ich lag da also faul in einer
Flugzeugdecke mit Flugzeugkissen, bedruckt mit Werbung eines
Spirituosenherstellers, das wäre was für so eine Kleiderbox kam mir in den
Sinn. Da würden die allseits geliebten Kinder in Afrika dann in Vodka-Decken
gehüllt die Destillationsgrundlage für das Ernten, was bei Penny vorne an der
Kasse steht, für die, die sich trotz Vodka nie entscheiden mussten ob nun
Belvedere oder Grey Goose ihr Lieblingsvodka ist, die letztendlich irgendwie
das Ende dieser fatalen afrikanischen Supply Chain sind.
Ich vermisse Lily,
alleine fliegen ist scheiße. Dann kommt der Salat, Gang Nummer zwei, ist super,
die Doku ist jetzt vorbei, der Weißwein auch und deshalb nehme ich ein Glas vom
argentinischen Cabernet Sauvignon. Jetzt Simpsons und Musik abwechselnd, essen
im Liegen, nochmal die Bitte nach dem Brotkorb, Mini-Mohnbrötchen, ist
eigentlich ganz gut. Nach dem Essen nehme ich dann noch ein Glas Cognac, Hine.
An Whisky gab es nur Chivas Regal und der ist Schwellenländer-Gesöff, in Peking
mixen den alle mit diesem ekelhaft-süßen Tee, aber da gibt es auch mehr Tische
als Dancefloor Fläche im Club...Vorm Boarding hatte ich Lily noch kurz
angerufen, aber jetzt frage ich mich was wohl ist, wenn ich mal wieder komme,
ich kann die Frage nicht beantworten, vermutlich einfach eine weitere Episode
der gleichen Geschichte.
Wir sind bald da, in
einer Stunde, gut, weil die Toilette trotz nur 10 Benutzern leicht ramponiert
aussieht. Die Flugbegleiterin teilt Priotity Lane Kärtchen aus, für die Einreise,
aber ich steige sowieso nur um, habe sie dann auch gleich verlegt. Dann liegen
und Fernsehen schauen, ich nehme die Kugel in meine Hand, höre noch etwas Musik
mit den Kopfhörern. Wir sind dann irgendwann gelandet und Ich war aus dem
Flugzeug schnell raus. Am Flughafen kaufte ich noch eine Flasche Vodka, dann
habe ich mich zu T.G.I. Friday‘s gesetzt und Burger gegessen, dazu gab es dann
noch einen Long Island Ice Tea. Dieser könnte der Grund dafür gewesen sein,
dass ich mir dann vorstellte an irgendeinem abstrakten, transzendenten Ort zu
sein, aber das fühlte sich immer noch besser an, als am Flughafen zu sitzen. Die
Kugel war neben meinem Pass in meiner Hosentasche, in der kleinen braunen
Polyester-Tasche, eigentlich viel zu eng für den kleinen Alien, aber da war er
sicher, denn ohne ihn könnte ich nicht ankommen.
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