Donnerstag, 22. September 2011

Nicholini's - I


Es begann alles auf dieser Bank. Das war schon etwas surreal, in einer Stadt, in der sonst keine Bänke irgendwo stehen ausgerechnet auf einer Parkbank für zwei Stunden zu schlafen. Aber da standen drei Gestalten, die noch etwas unklar waren, ein Strohhut, die Reinigungskraft und dann diese beiden in komischen blauen Polos – Gärtner. Ich setzte mich auf und sagte einige Worte in ihrer Sprache, ich erinnerte mich kaum noch an etwas, schaute dann auf meine Tasche uns öffnete den Reisverschluss – ich war noch betrunken – und fand eine halb leere Flasche „King Robert II. Vodka“. Warum muss man nur in bestimmten Fällen so geschmacklos werden, wenn man betrunken ist, für das zehnfache hätten wir schließlich auch Grey Goose haben können. Aber so war nur eine weitere Flasche eines namenlosen Fusels ins Land gegangen. Aber was sollten wir jetzt machen, Heinrich setzte sich auch auf. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich erblickte die Central Library, mein Kopf tat nicht besonders weh und ich wusste, ich wusste genau, dass ich Wechselsachen in meinem Duffle-Bag hatte. Die Tatsache, dass ich eine Cord-Hose trug, verschlimmerte das Ganze nur, weil es den billigen Schatten einer mit Brokat bezogenen Parkbank imitierte – aber das hier war ein öffentlicher Park. Am VLT Automaten zogen wir uns erst einmal einen Aquarius – wir waren nun in der Lage zu gehen und einigermaßen zu koordinieren, was jetzt folgen sollte. Ich rief Hans an, denn, jetzt fiel es mir wieder ein, wir sollten doch bei Hans schlafen, nur deshalb waren wir aus Central nach Causeway Bay gekommen, wir hatten den Danzka vom Flughafen noch geleert, aber Hans war trotzdem nicht zu erreichen gewesen, aber nun müssten wir ihn doch erreichen können. Ich hasse diese Leute, die iPad 2 und iPhone 4 besitzen, Praktika bei Private Equity Firmen machen, deshalb hierher kommen und trotzdem nicht in der Lage sind sich an einfache Abmachungen zu halten und ihren mobilen Fernsprecher abzunehmen, wenigstens den Anstand zu sagen: Sorry, ich bin hier gerade beschäftigt mit einer halb-nackt kotzenden Kate, wenigstens diesen Anstand sollte man haben, dann wären wir vielleicht auf die Idee gekommen an einem sinnvolleren Ort zu schlafen. Aber ja, wir hatten auch noch woanders geschlafen, wir waren zuerst in der Lobby eines Express by Holiday Inn, obwohl diese Untaten ja gar keine Lobby haben – aber da der China Travel Service mit in dem Gebäude residiert, gibt es dort einen Cola Automaten sowie zwei Sofas. Diese Sofas genügten uns, bis wir freundlich daraufhin gewiesen wurden, dass man hier nicht schlafen könne. Ich hatte dann die glorreiche Idee, dass, wenn man tagsüber in der U-Bahn manchmal einschlafe, man doch auch Nachts so richtig in der U-Bahn schlafen könnte. Doch meine Octopus-Karte war inzwischen leer und so musste ich sie aufladen, aber da meine gesamte Barschaft an den Beijing-Club übergegangen war, brauchte ich einen Geldautomaten. Jetzt ist es aber so, dass es in Causeway Bay, in Times Square nähe kaum brauchbare Automaten gibt. Ich suchte also rest-betrunken fast eine halbe Stunde lang einen Bankautomaten und schaffte es dann noch 1000 Hong Kong Dollar abzuheben. Ich ging dann zurück zur Station, Heinrich schlief sitzend an die Wand gelehnt, alles von sich gestreckt, um meine Octopus Karte aufzuladen und dann konnte ich endlich durch das Drehkreuz gehen. Allerdings hatten wir auf halbem Weg zwischen der ersten und der zweiten Station unbändigen Durst. Diesen zu stillen vermochte nur ein 7-11 oder OK. Deshalb stiegen wir in Tin-Hau aus und ich trank über 1.5 Liter direkt in Form von Pocari Sweat und Purified Water, ich bezahlte natürlich bargeldlos mit meiner Octopus Karte. Dann war es mir wohl eingefallen: Victoria Park…
Es klingelte. Hans nahm dann auch ab. Wir besprachen uns kurz, meine Stimme war gänzlich derangiert. Als Treffpunkt wurde die Bibliothek ausgemacht, da nach könnten wir dann zu ihm gehen und noch ein wenig schlafen, denn die Planung, weswegen wir auch am Vortag nichts gegessen hatten, war ja, sich heute zum Sunday Brunch im Conrad Hotel, genau gesagt im Nicholini’s zu bewegen, dem Restaurant, welches 18 Mal in Folge zum besten Hong Kong’s gewählt worden war. Wir sollten kurz warten und ihn dann erblicken, den Finnen. Da kommt er mit seiner MK-Brille und irgendeiner Tiger of Sweden Hose – dazu dieser Blick den man nur haben kann, wenn man einfach die kollektive Überlegenheit über 99 Prozent der Erdbevölkerung am Abend vorher deklariert hat und darauf anstieß, demnächst absolut gewissensloser Investment-Banker zu werden. Dann gehen wir zu seinem Serviced-Appartment. Alles mächtig klein und kostet seinen Arbeitgeber trotzdem in etwa fünfmal ALG-II pro Monat – dafür gibt’s dann schon eine Nasszelle, die zwar aussieht wie in einem Prozess gegossen, aber der Wahnsinn ist eigentlich, dass es ein Fenster gibt, durch das auch wirklich Licht hereinscheint. Kate lag noch in seinem Bett und sie hatte in Kleid aus einfachem Jersey, aber keinen BH an und ich war plötzlich von Neid erfasst. Dann trank ich 920 ml Aquarius und auch noch Wasser. Dann legten wir uns zu viert in das Bett denn woanders konnte man dort nicht schlafen. Da so auch niemand schlief, schaute ich mir Facebook auf Hans‘ iPad 2 an. Nach einer Stunde wurde mir übel. Ich bin das ganze Wasser wieder auskotzen gegangen, hatte aber nichts mit dem Alkohol zu tun, war einfach zu viel gewesen. Wir legten uns fest – wir wollten zu Nicholini’s, denn wir hatten nicht umsonst den Aufwand um Reservierung und Warteliste gemacht, doch Enttäuschung befiel mich partiell: Es wurde tatsächlich diskutiert, ob man Champagner trinken würde, wobei ich mich festlegte, dass ich trinken würde, denn der Brunch wäre sonst nicht das Gleiche. Zwanzig Minuten vor unserer Reservierung sagte ich dann, wir müssten jetzt doch schon mal los – und so verließen wir das Gebäude und das war scheiße, weil ich keine Sonnenbrille dabei hatte, dabei war es so hell und ich fühlte mich komisch. Wir stiegen in ein Taxi und fuhren zum Conrad Hotel, Kate hatte jetzt wieder einen BH an, aber das half alles nichts, die Tatsache, dass Hans sein iPhone nicht befummeln konnte, führte dazu, dass wir den Beijing Club verlassen hatten und ohne Mädchen endeten.

Freitag, 16. September 2011

A330-200


Der untere Teil meines Sitzes bewegte sich nach oben. Ob ich denn gerne Saft, Wasser oder Champagner hätte. Ja hätte ich gerne, natürlich, letzteres. Es war dann tatsächlich Glas, welches auf der breiten Armlehne stand, Geschmack, trocken bekannt.  Schon fragte ich mich warum es nicht losging, wir saßen ja nun alle, dann aber, der Blick nach hinten und 207 Antworten, Terrakottafarbig verschwommen, Terrakotta gibt es ja jetzt überall, das ist so schön mediterran, erinnert einen an das tolle Jahn-Reisen Hotel "Im maurischen Stil", total authentisch, klasse. Ob ich noch etwas mehr Roederer, Bestätigung fand sich in der Weinkarte, wolle, wollte ich. Ich brachte den Sitz dann in eine aufrechte Position und begutachtete das Amenity Kit - gebrandete EarPlugs, gebrandete Zahnbürste inklusive gebrandeter Zahnpasta, gebrandete Schlafmaske, gebrandete Komfort-Latschen (die sind das wichtigste, die braucht man zu Hause unentwegt) und überraschenderweise zwei 30ml-Reisegröße Tuben von l'Occitane, was gut war, Handcreme und Moisturizer. Ich packte alles wieder in die blaue Tasche und stellte sie auf die obere Kante des Vordersitzes, dort wo die Flugbegleiterin sie abgestellt hatte. Wir begannen dann zu rollen, anschnallen. Wir rollten und rollten und ich war erleichtert, dass neben mir und auf den zwei Sitzen an der Fensterseite auch niemand saß, meine Tasche saß neben mir, genauso wie das fast leere Glas Roederer, außerdem eine Plastikkugel in Orange-Blau. Sie enthielt eine Spielzeugfigur der Aliens aus Toy Story und war ein Geschenk, welches mir Lily gestern gegeben hatte. Wir waren zusammen in Mong Kok gewesen, in einem dieser Shopping Center, die man nur als solche erkennt, wenn man Hello Kitty als legitimes Designkonzept anerkennt. Da oben also standen diese Automaten und sie sagte, ich würde morgen ja fliegen. Ich hatte gesagt, die Aliens seien meine Lieblingsfigur, deshalb standen wir jetzt vor einem Toy Story Automaten, aber wenn ich Pech hatte wäre ich mit Buzz Lightyear, bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter, konfrontiert. Sie steckte eine Münze in den Automaten und das Drehen versetzte mich in eine wunderschöne Zeit, in der Spielzeuge an sich noch genug waren, als Penne Nudeln und Soße mit Steinpilzen einfach nur keine Tomatensoße war, aber nun bekam der Alien Signifikanz, ich würde nie wagen ihn auszupacken, er war so komplex geworden, wie er einfach in meinem Kopf „Ohh, die Kralle“ sagte. Die Plastikkugel, es war tatsächlich der Alien darin gewesen, war die Erinnerung an etwas, an jemanden, konserviert in einer Banalität, aber nur sichtbar für zwei Personen. Ich nahm sie in meine Hand und richtete den Blick nach draußen - Chep Lap Kok, es war als wenn man mich gerade deportierte, nur halt etwas netter. Die vordere Achse verließ den Boden, alle 10 Amenity Packs, tatsächlich 12 freie Plätze, fielen zu Boden, ein synchroner Aufprall, wie der meiner Gedanken, die von der Kugel angezogen wurden und dabei schwammen sie seicht auf dem Sitz, Liegeposition jetzt und dem Blick auf einen unbekannten Schmerz, den das alles betäubte, durch die Beinfreiheit schien jede Paranoia verschwunden.
Als wir etwa 25000 Fuß erreicht hatten kam jetzt eine Stewardess auf mich zu und fragte mich, wie sie mich ansprechen solle während des Fluges, ich überlegte kurz von Kaiser Wilhelm bis König von Sandburgia und sagte dann: Jean. Dann erbat sie auf Englisch mit diesem russischen Akzent meine Präferenz in Hinblick auf Reihenfolge der fünf Gänge sowie der Frage ob ich überhaupt alle Gänge wünsche, selbstverständlich wünschte ich alle Gänge. Die Frage nach der präferierten Getränkewahl, klar, grundsätzlich Cola Light mit Eis und Zitrone, dazu den Sauvignon Blanc, aber zum Appetizer ein Glas Champagner. Dann war sie wieder weg. Ich schaute Fernsehen und nahm die Kugel alle paar Minuten in meine Hand, sie schien etwas zu beruhigen. Ich schaute dann eine Dokumentation über den Bau des Shanghai World Financial Centers - Die Pfahl-Platten-Gründung schien so herrlich bodenständig, dass ich fast vergessen hätte, mich zurück zu lehnen, als der Tisch ausgeklappt und eingedeckt wurde. Ich hätte ja gerne die Karte rauf und runter getrunken, aber alleine war das irgendwie wie Bier in Lidl-Plastikflaschen. Der Wein klang besser als er schmeckte, aber Champagner war ja Gott sei Dank so eine Art Naturkonstante, die war vielleicht nicht überall gleich, aber man konnte sich ungefähr vorstellen was man bekam. Ich lag nun, in meiner Adidas Jogging Hose, grau, mit bunten Diesel-Socken und einem Abercrombie und Fitch Holzfällerhemd auf einem Sitz-Bett - wie ein Hipster auf dem Weg zum nächsten hip-tastischen Hotspot. Ich lag da also faul in einer Flugzeugdecke mit Flugzeugkissen, bedruckt mit Werbung eines Spirituosenherstellers, das wäre was für so eine Kleiderbox kam mir in den Sinn. Da würden die allseits geliebten Kinder in Afrika dann in Vodka-Decken gehüllt die Destillationsgrundlage für das Ernten, was bei Penny vorne an der Kasse steht, für die, die sich trotz Vodka nie entscheiden mussten ob nun Belvedere oder Grey Goose ihr Lieblingsvodka ist, die letztendlich irgendwie das Ende dieser fatalen afrikanischen Supply Chain sind.
Ich vermisse Lily, alleine fliegen ist scheiße. Dann kommt der Salat, Gang Nummer zwei, ist super, die Doku ist jetzt vorbei, der Weißwein auch und deshalb nehme ich ein Glas vom argentinischen Cabernet Sauvignon. Jetzt Simpsons und Musik abwechselnd, essen im Liegen, nochmal die Bitte nach dem Brotkorb, Mini-Mohnbrötchen, ist eigentlich ganz gut. Nach dem Essen nehme ich dann noch ein Glas Cognac, Hine. An Whisky gab es nur Chivas Regal und der ist Schwellenländer-Gesöff, in Peking mixen den alle mit diesem ekelhaft-süßen Tee, aber da gibt es auch mehr Tische als Dancefloor Fläche im Club...Vorm Boarding hatte ich Lily noch kurz angerufen, aber jetzt frage ich mich was wohl ist, wenn ich mal wieder komme, ich kann die Frage nicht beantworten, vermutlich einfach eine weitere Episode der gleichen Geschichte.
Wir sind bald da, in einer Stunde, gut, weil die Toilette trotz nur 10 Benutzern leicht ramponiert aussieht. Die Flugbegleiterin teilt Priotity Lane Kärtchen aus, für die Einreise, aber ich steige sowieso nur um, habe sie dann auch gleich verlegt. Dann liegen und Fernsehen schauen, ich nehme die Kugel in meine Hand, höre noch etwas Musik mit den Kopfhörern. Wir sind dann irgendwann gelandet und Ich war aus dem Flugzeug schnell raus. Am Flughafen kaufte ich noch eine Flasche Vodka, dann habe ich mich zu T.G.I. Friday‘s gesetzt und Burger gegessen, dazu gab es dann noch einen Long Island Ice Tea. Dieser könnte der Grund dafür gewesen sein, dass ich mir dann vorstellte an irgendeinem abstrakten, transzendenten Ort zu sein, aber das fühlte sich immer noch besser an, als am Flughafen zu sitzen. Die Kugel war neben meinem Pass in meiner Hosentasche, in der kleinen braunen Polyester-Tasche, eigentlich viel zu eng für den kleinen Alien, aber da war er sicher, denn ohne ihn könnte ich nicht ankommen.

Dienstag, 13. September 2011

dash 8-400


Wolken, sie ziehen vorbei wie Erinnerungen an vergangene Nächte

Die grünen Felder sind wie das Dämmern des Tages, der einholenden Wahrheit

Doch ihr Blick ist gefangen in meinem Kopf, totale Reflektion, wenn ich doch an etwas dächte

Denken könnte...wo ist der Glanz der Perlen nun? Vergangen? Was ist geworden aus dem üppigen Geleit?


Aber es muss sein, keine Wahl, richtig, herunter mit den Flügeln, sie seien verstaut

Zurück geglitten, doch neues Licht scheint auch hier, neue Augen sehen neue Welt

Bangen auf das niemals der Tag komme, an dem es uns brutal, unausweichlich vor den Türen graut

Hier. An bekannten orten an denen es sie doch immer völlig gefangen hält

Ist das So?

Schlafanzughosen


Ich muss irgendwann aufgewacht sein, dachte ich noch, denn nun sah ich das Zimmer, in dumpfes Licht getaucht, es schien keine Sonne herein. Es war wohl ein Gewitter aufgezogen, aber vielleicht war es auch schon längst Abend oder früher Morgen – war irgendwie egal. So blieb ich dann noch liegen und blätterte durch eine „World of Interiors“ – sie priesen schon wieder den neuen Style in Nordafrika, so in der Art „Medina-Deluxe“ und ich fragte mich ob Coca-Cola während dieses Arabischen Frühlings, wie sie ihn jetzt nennen, überhaupt noch seine gesamte Produktpalette in die Krisenregionen hatte liefern können. Aufstehen dann, natürlich nur in langer Hose, mit kleinen Polo-Spielern drauf, damit auch jeder Sehbehinderte registrierte, dass Ralph Lauren da war, oben rum trug ich nichts, das machte ich immer so. Als ich an der Fensterfront stand wurde deutlich, dass dort draußen tatsächlich die Sonne schon untergegangen war und ich musste wohl geschlafen haben, aber was genau passiert war, das wusste ich nicht mehr so genau, es war aber alles noch da, Speedmaster, Neiman Marcus Cardholder, Visa Karte, Maestro Karte, 100 Euro, der sechseckige Caran d’Ache in Metallic-Blau, sowie die 5ml Flasche Terre d’Hérmes und auch die Lanvin Socken. Meine Acne Jeans fand ich im Bad, was mich beruhigte, es dauerte ewig guten Stoff einzutragen, trotz 2 Prozent Elasthan-Anteil. Dann sah ich noch die Ray Ban auf dem Sideboard im Flur und alles war da. Nachdem ich etwas Sprite Zero getrunken und einige M&M’s, aber Crispy, nicht die doofen mit Nuss, zu mir genommen hatte, entschied ich, dass ich nach draußen musste.  Aus meinem Kleiderschrank griff ich mir das Unconstructed Jacket, in so einem blassen grau, sowie ein weißes V-neckt T-Shirt von Moschino Mare, 5 Prozent Elasthan. Das warf ich mir dann alles über. Im Schuhschrank fand ich meine dunkelbraunen Docksides wieder, sie waren noch gebunden, also schlupfte ich einfach rein. Dann packte ich noch ein Paket Pocari Sweat-Pulver in meine Sacko-Innentasche und steckte mein Handy in die Tasche der Hose, die rutschte ein Stück, der Schlüssel auf der anderen Seite und schon konnte jeder lesen, jeder, der die Reiter nicht schon erkannt hatte, dass diese Hose ein alternder Preppy gemacht hat, einige sagen der erste echte Creative Director. Ab nach draußen, Spaziergang, ich fand noch eine Sonnenbrille irgendwo und setze sie auf. Zehn Minuten nur und die Menschen schienen feindselig zu werden, sie blickten mich an, als wenn  sie noch nie lange Schlafanzughosen gesehen hätten oder als wenn unconstructed Blazer schon wieder out waren…Dann gingen sie nach Hause und machten erst einmal Mitten im Leben an, von gestern aufgenommen, weil man da noch echte Schicksale sieht, und weil man da über die Menschen lachen kann, denen es noch schlechter geht, angeblich schlechter, weil man sich so herrlich darüber echauffieren kann, wie das nur sein kann und wie unmöglich die Welt doch ist. Aber man muss da differenzieren: Es gibt Gelegenheitsgucker – die nehmen nur auf VHS auf, schlimm genug, meist gelangweilte Gymnasiasten ab Klasse 7. Dann gibt es noch so ganz hartnäckige Fälle, die haben eine Software auf dem Rechner, die automatisch alles mitschneidet, die Werbung cuttet und das alles in eine streng durchsortierte Ordnerstruktur abspeichert – und da sind dann schon die üblichen Kandidaten am Werk, wo man schon weiß, dass man jetzt doch eigentlich keine Lust hat den neuen Lidl-Angebostkatalog zu besprechen, deshalb sage ich dann immer, dass die Preiserhöhung des Nutella-Verschnitts unter Umständen ja auch zu einem Netto-Wohlfahrtsgewinn führen könnte und dass auch die Belegschaft daran partizipieren könne. Dann sagen sie meistens „Jaja so ist das“ – Diskussion zu Ende, A8 wieder ins Ohr zurückgekehrt, B&O to go. So gehe ich also die abendlichen Straßen entlang und habe das Gefühl, dass hier am Ende alles in der existenziell langweiligen grauen Badewanne landet, die ohne Whirlpool Funktion. Deshalb gehe ich jetzt zu Hanna. Aber ich will bei Hanna nicht ohne Geschenk auftauchen, weil Hanna auch immer etwas mitbringt, meistens ziemlich teure Sachen aus irgendeiner Kollektion von X-„Home“, -„Casa“ oder –„House“, aus irgendeinem Grunde niemals „Franchise Heimtextilien“. Deshalb gehe ich noch kurz zu einem Spirituosen-Fachhandel, obwohl ihre Raumdüfte und Tagesdecken viel schöner und einfallsreicher sind, aber Hanna ist auch schön und intelligent, die hat im Gegensatz zu diesen anderen Leuten, die glauben das man ein Sacko zur True Religion tragen kann, immer eine echte Assoziation mit Marken, das mag ich sehr. In dem Laden kaufe ich zwei Flaschen Grey Goose mit zwei Grey-Goose Gläsern in der Geschenkbox sowie zwei Liter gekühltes Tonic Water von Schweppes und zahle mit der Maestro-Karte, weil die 100 Euro für den Mobilitäts-Notfall gedacht sind. Hanna wohnt auch nicht so weit weg, aber ich fahre dann trotzdem mit dem Taxi. Ich stehe dann vor ihrer Tür und klingle. Ich habe hier schon ziemlich oft gestanden und meistens hatte ich ein Sacko an und meistens auch Schlafanzughosen, aber noch nie die mit den Reitern, dass weiß ich genau. Sie macht dann die Tür auf, so seriös, erst langsam und dann etwas schneller und dann wieder langsam und tritt leicht zur Seite und sie lächelt, unverbindlich, als wenn UPS irgendwas von Net-a-Porter bringt, aber sie freut sich, denn vielleicht erwartet sie ja wirklich was von denen, kann ja sein, Sale ist ja gerade vorbei, die neuen Sachen sind alle da. Dann schaut sie mich an, drei Sekunden lang schaut sie mir in die Augen, dann lacht sie leise, aber fröhlich und sagt: „Guten Abend Walter“. Da sage ich „Bon soir Hanna, ca va?“, „Oui Oui, ca va…“, so begrüßte ich sie jetzt immer, nachdem ich das erste Mal in einer SMS an sie einen Satz auf Französisch geschrieben hatte, damals eigentlich nur um ein bisschen anzugeben, weil das zu einer Zeit war, als alle Mädchen meinten, sie wären total in Paris verliebt, einige auch in London, die meisten von ihnen wussten nicht so genau wo Belgravia lag, aber Hannah wusste das schon da ganz genau und sie wusste auch, dass man Grey Goose mit vielem mischen konnte, nur nicht mit Cola. Deshalb mochte ich sie immer sehr und wir hatten uns dann auch von Zeit zu Zeit getroffen, meist alleine, dann waren wir im Kino gewesen oder hatten im Park gelegen und dann waren wir meist zu ihr gegangen und dann bin ich immer an ihrem Bücherregal vorbei gegangen und hab mir ein Buch gesucht, es konnte wirklich alles sein, denn wirklich schlechte Bücher hatte sie gar nicht, nur einige langweilige, und dann las ich immer Teile dieses Buches, ich las sie ihr dann vor. In der Regel übernachtete ich auch bei ihr und wir tranken dann immer Grey Goose, Grey Goose Blanc de Blancs oder Grey Goose Tonic, und danach küssten wir uns und sie hatte dann schon immer diesen seidenen, dunkelroten Kimono an und ich eben diese Hosen und diese T-Shirts und diese Sackos und wir fanden das immer irgendwie sexy, eigentlich fast etwas infantil, aber irgendwie war das alles immer als wenn wir gerade gemeinsam spielten. Ich war heute auch wieder da und sie ließ mich rein und fragte mich ob ich etwas zu essen haben wolle und ich lehnte dankend ab, aber auf Toilette müsse ich schon. Obwohl ich den Weg kannte ging sie voran und sie zeigte auf den Lichtschalter und meine Hand schnellte zu diesem und sie berührte diese für einige Sekunden, „du weißt ja wo alles steht“.  Danach kam ich wieder ins Wohnzimmer und setzte mich zu ihr auf das Flexform-Sofa. Die Tüte mit dem Grey Goose hatte ich ihr beim Reinkommen in die Hand gedrückt, denn ich tue nicht gerne so, als wäre es ein Geschenk, denn eigentlich hatte ich ja auch ziemlich an mich gedacht, als ich das Set kaufte. Sie goss nun eisbeschlagene Gläser bis zum Rand voll, nahm ihres und sagte nur „Cheers“ „Cheers“. Wir hatten dann auch Sex in ihrem Schlafzimmer und ich schlief irgendwann neben ihr ein, ich glaube das Bett hatte sie von Minotti... Aufgewacht war ich dadurch, dass Hanna in ihrem Kimono-Mantel auf meinem Bauch saß und mich fragte ob wir nicht heute vielleicht mal was machen sollten, sie habe sonst alles da. Die Sonne war aufgegangen und sie schien mir ins Gesicht, „Ich weiß, dass du viel zu tun hast…“ „Nein“, sagte ich, nein, wir sollten heute mal was machen, wir sollten am Tag was machen.  Ich bestellte mir dann noch eine Tom Ford Sonnenbrille an ihrem Computer, die alte gefiel mir nicht mehr.

Donnerstag, 8. September 2011

Das Saft-Goldbären-Komplott


Vor einer halben Stunde habe ich mir die letzte Hand Haribo-Saft-Goldbären in den Mund geschüttet, da lag ich bereits etwa 20 Minuten in der Badewanne. Weitere 20 Minuten später wurde mir schlecht. Nun, eine weitere Viertelstunde später registriere ich, wie die Gummibärchen in meinem Magen geradewegs in einem Moor aus Trueffel-Pâté und Meersalz-Butter ertrinken und dabei nicht einmal traurig schauen, sie gehen wenigstens bornierter zu Grunde als die meisten ihrer fahlen 87Cent-Regal-Freunde, sie sind sozusagen die Avantgarde dieser Suizid-Truppe. Nur ein Gedanke beschäftigt mich jetzt noch wirklich: Was wäre wenn jemand so dreist wäre und genau jetzt, in diesem Moment seine 87Cent-22prozent-Fruchtsaftanteil-Haribo-Saft-Goldbären in Champagner zu ertrinken wagen würde, möglichst noch in einer Menge, die anteilig gerechnet den Preis des 13 Euro Pâtés übersteigt. Ein unerträglicher Gedanke, weswegen ich unverzüglich eine Flasche Roederer kalt stelle und einen Eiskübel vorbereite - solange diese Deserteure noch in meinem Bauch sind muss ich sie mit einem Tsunami aus Blasen ertränken, bevor es dieser andere Mistkerl tut.