Dienstag, 13. September 2011

Schlafanzughosen


Ich muss irgendwann aufgewacht sein, dachte ich noch, denn nun sah ich das Zimmer, in dumpfes Licht getaucht, es schien keine Sonne herein. Es war wohl ein Gewitter aufgezogen, aber vielleicht war es auch schon längst Abend oder früher Morgen – war irgendwie egal. So blieb ich dann noch liegen und blätterte durch eine „World of Interiors“ – sie priesen schon wieder den neuen Style in Nordafrika, so in der Art „Medina-Deluxe“ und ich fragte mich ob Coca-Cola während dieses Arabischen Frühlings, wie sie ihn jetzt nennen, überhaupt noch seine gesamte Produktpalette in die Krisenregionen hatte liefern können. Aufstehen dann, natürlich nur in langer Hose, mit kleinen Polo-Spielern drauf, damit auch jeder Sehbehinderte registrierte, dass Ralph Lauren da war, oben rum trug ich nichts, das machte ich immer so. Als ich an der Fensterfront stand wurde deutlich, dass dort draußen tatsächlich die Sonne schon untergegangen war und ich musste wohl geschlafen haben, aber was genau passiert war, das wusste ich nicht mehr so genau, es war aber alles noch da, Speedmaster, Neiman Marcus Cardholder, Visa Karte, Maestro Karte, 100 Euro, der sechseckige Caran d’Ache in Metallic-Blau, sowie die 5ml Flasche Terre d’Hérmes und auch die Lanvin Socken. Meine Acne Jeans fand ich im Bad, was mich beruhigte, es dauerte ewig guten Stoff einzutragen, trotz 2 Prozent Elasthan-Anteil. Dann sah ich noch die Ray Ban auf dem Sideboard im Flur und alles war da. Nachdem ich etwas Sprite Zero getrunken und einige M&M’s, aber Crispy, nicht die doofen mit Nuss, zu mir genommen hatte, entschied ich, dass ich nach draußen musste.  Aus meinem Kleiderschrank griff ich mir das Unconstructed Jacket, in so einem blassen grau, sowie ein weißes V-neckt T-Shirt von Moschino Mare, 5 Prozent Elasthan. Das warf ich mir dann alles über. Im Schuhschrank fand ich meine dunkelbraunen Docksides wieder, sie waren noch gebunden, also schlupfte ich einfach rein. Dann packte ich noch ein Paket Pocari Sweat-Pulver in meine Sacko-Innentasche und steckte mein Handy in die Tasche der Hose, die rutschte ein Stück, der Schlüssel auf der anderen Seite und schon konnte jeder lesen, jeder, der die Reiter nicht schon erkannt hatte, dass diese Hose ein alternder Preppy gemacht hat, einige sagen der erste echte Creative Director. Ab nach draußen, Spaziergang, ich fand noch eine Sonnenbrille irgendwo und setze sie auf. Zehn Minuten nur und die Menschen schienen feindselig zu werden, sie blickten mich an, als wenn  sie noch nie lange Schlafanzughosen gesehen hätten oder als wenn unconstructed Blazer schon wieder out waren…Dann gingen sie nach Hause und machten erst einmal Mitten im Leben an, von gestern aufgenommen, weil man da noch echte Schicksale sieht, und weil man da über die Menschen lachen kann, denen es noch schlechter geht, angeblich schlechter, weil man sich so herrlich darüber echauffieren kann, wie das nur sein kann und wie unmöglich die Welt doch ist. Aber man muss da differenzieren: Es gibt Gelegenheitsgucker – die nehmen nur auf VHS auf, schlimm genug, meist gelangweilte Gymnasiasten ab Klasse 7. Dann gibt es noch so ganz hartnäckige Fälle, die haben eine Software auf dem Rechner, die automatisch alles mitschneidet, die Werbung cuttet und das alles in eine streng durchsortierte Ordnerstruktur abspeichert – und da sind dann schon die üblichen Kandidaten am Werk, wo man schon weiß, dass man jetzt doch eigentlich keine Lust hat den neuen Lidl-Angebostkatalog zu besprechen, deshalb sage ich dann immer, dass die Preiserhöhung des Nutella-Verschnitts unter Umständen ja auch zu einem Netto-Wohlfahrtsgewinn führen könnte und dass auch die Belegschaft daran partizipieren könne. Dann sagen sie meistens „Jaja so ist das“ – Diskussion zu Ende, A8 wieder ins Ohr zurückgekehrt, B&O to go. So gehe ich also die abendlichen Straßen entlang und habe das Gefühl, dass hier am Ende alles in der existenziell langweiligen grauen Badewanne landet, die ohne Whirlpool Funktion. Deshalb gehe ich jetzt zu Hanna. Aber ich will bei Hanna nicht ohne Geschenk auftauchen, weil Hanna auch immer etwas mitbringt, meistens ziemlich teure Sachen aus irgendeiner Kollektion von X-„Home“, -„Casa“ oder –„House“, aus irgendeinem Grunde niemals „Franchise Heimtextilien“. Deshalb gehe ich noch kurz zu einem Spirituosen-Fachhandel, obwohl ihre Raumdüfte und Tagesdecken viel schöner und einfallsreicher sind, aber Hanna ist auch schön und intelligent, die hat im Gegensatz zu diesen anderen Leuten, die glauben das man ein Sacko zur True Religion tragen kann, immer eine echte Assoziation mit Marken, das mag ich sehr. In dem Laden kaufe ich zwei Flaschen Grey Goose mit zwei Grey-Goose Gläsern in der Geschenkbox sowie zwei Liter gekühltes Tonic Water von Schweppes und zahle mit der Maestro-Karte, weil die 100 Euro für den Mobilitäts-Notfall gedacht sind. Hanna wohnt auch nicht so weit weg, aber ich fahre dann trotzdem mit dem Taxi. Ich stehe dann vor ihrer Tür und klingle. Ich habe hier schon ziemlich oft gestanden und meistens hatte ich ein Sacko an und meistens auch Schlafanzughosen, aber noch nie die mit den Reitern, dass weiß ich genau. Sie macht dann die Tür auf, so seriös, erst langsam und dann etwas schneller und dann wieder langsam und tritt leicht zur Seite und sie lächelt, unverbindlich, als wenn UPS irgendwas von Net-a-Porter bringt, aber sie freut sich, denn vielleicht erwartet sie ja wirklich was von denen, kann ja sein, Sale ist ja gerade vorbei, die neuen Sachen sind alle da. Dann schaut sie mich an, drei Sekunden lang schaut sie mir in die Augen, dann lacht sie leise, aber fröhlich und sagt: „Guten Abend Walter“. Da sage ich „Bon soir Hanna, ca va?“, „Oui Oui, ca va…“, so begrüßte ich sie jetzt immer, nachdem ich das erste Mal in einer SMS an sie einen Satz auf Französisch geschrieben hatte, damals eigentlich nur um ein bisschen anzugeben, weil das zu einer Zeit war, als alle Mädchen meinten, sie wären total in Paris verliebt, einige auch in London, die meisten von ihnen wussten nicht so genau wo Belgravia lag, aber Hannah wusste das schon da ganz genau und sie wusste auch, dass man Grey Goose mit vielem mischen konnte, nur nicht mit Cola. Deshalb mochte ich sie immer sehr und wir hatten uns dann auch von Zeit zu Zeit getroffen, meist alleine, dann waren wir im Kino gewesen oder hatten im Park gelegen und dann waren wir meist zu ihr gegangen und dann bin ich immer an ihrem Bücherregal vorbei gegangen und hab mir ein Buch gesucht, es konnte wirklich alles sein, denn wirklich schlechte Bücher hatte sie gar nicht, nur einige langweilige, und dann las ich immer Teile dieses Buches, ich las sie ihr dann vor. In der Regel übernachtete ich auch bei ihr und wir tranken dann immer Grey Goose, Grey Goose Blanc de Blancs oder Grey Goose Tonic, und danach küssten wir uns und sie hatte dann schon immer diesen seidenen, dunkelroten Kimono an und ich eben diese Hosen und diese T-Shirts und diese Sackos und wir fanden das immer irgendwie sexy, eigentlich fast etwas infantil, aber irgendwie war das alles immer als wenn wir gerade gemeinsam spielten. Ich war heute auch wieder da und sie ließ mich rein und fragte mich ob ich etwas zu essen haben wolle und ich lehnte dankend ab, aber auf Toilette müsse ich schon. Obwohl ich den Weg kannte ging sie voran und sie zeigte auf den Lichtschalter und meine Hand schnellte zu diesem und sie berührte diese für einige Sekunden, „du weißt ja wo alles steht“.  Danach kam ich wieder ins Wohnzimmer und setzte mich zu ihr auf das Flexform-Sofa. Die Tüte mit dem Grey Goose hatte ich ihr beim Reinkommen in die Hand gedrückt, denn ich tue nicht gerne so, als wäre es ein Geschenk, denn eigentlich hatte ich ja auch ziemlich an mich gedacht, als ich das Set kaufte. Sie goss nun eisbeschlagene Gläser bis zum Rand voll, nahm ihres und sagte nur „Cheers“ „Cheers“. Wir hatten dann auch Sex in ihrem Schlafzimmer und ich schlief irgendwann neben ihr ein, ich glaube das Bett hatte sie von Minotti... Aufgewacht war ich dadurch, dass Hanna in ihrem Kimono-Mantel auf meinem Bauch saß und mich fragte ob wir nicht heute vielleicht mal was machen sollten, sie habe sonst alles da. Die Sonne war aufgegangen und sie schien mir ins Gesicht, „Ich weiß, dass du viel zu tun hast…“ „Nein“, sagte ich, nein, wir sollten heute mal was machen, wir sollten am Tag was machen.  Ich bestellte mir dann noch eine Tom Ford Sonnenbrille an ihrem Computer, die alte gefiel mir nicht mehr.

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