Ich muss irgendwann aufgewacht sein, dachte ich noch, denn
nun sah ich das Zimmer, in dumpfes Licht getaucht, es schien keine Sonne
herein. Es war wohl ein Gewitter aufgezogen, aber vielleicht war es auch schon
längst Abend oder früher Morgen – war irgendwie egal. So blieb ich dann noch
liegen und blätterte durch eine „World of Interiors“ – sie priesen schon wieder
den neuen Style in Nordafrika, so in der Art „Medina-Deluxe“ und ich fragte
mich ob Coca-Cola während dieses Arabischen Frühlings, wie sie ihn jetzt nennen,
überhaupt noch seine gesamte Produktpalette in die Krisenregionen hatte liefern
können. Aufstehen dann, natürlich nur in langer Hose, mit kleinen Polo-Spielern
drauf, damit auch jeder Sehbehinderte registrierte, dass Ralph Lauren da war,
oben rum trug ich nichts, das machte ich immer so. Als ich an der Fensterfront
stand wurde deutlich, dass dort draußen tatsächlich die Sonne schon
untergegangen war und ich musste wohl geschlafen haben, aber was genau passiert
war, das wusste ich nicht mehr so genau, es war aber alles noch da,
Speedmaster, Neiman Marcus Cardholder, Visa Karte, Maestro Karte, 100 Euro, der
sechseckige Caran d’Ache in Metallic-Blau, sowie die 5ml Flasche Terre d’Hérmes
und auch die Lanvin Socken. Meine Acne Jeans fand ich im Bad, was mich
beruhigte, es dauerte ewig guten Stoff einzutragen, trotz 2 Prozent
Elasthan-Anteil. Dann sah ich noch die Ray Ban auf dem Sideboard im Flur und
alles war da. Nachdem ich etwas Sprite Zero getrunken und einige M&M’s,
aber Crispy, nicht die doofen mit Nuss, zu mir genommen hatte, entschied ich,
dass ich nach draußen musste. Aus meinem
Kleiderschrank griff ich mir das Unconstructed Jacket, in so einem blassen
grau, sowie ein weißes V-neckt T-Shirt von Moschino Mare, 5 Prozent Elasthan. Das
warf ich mir dann alles über. Im Schuhschrank fand ich meine dunkelbraunen
Docksides wieder, sie waren noch gebunden, also schlupfte ich einfach rein.
Dann packte ich noch ein Paket Pocari Sweat-Pulver in meine Sacko-Innentasche
und steckte mein Handy in die Tasche der Hose, die rutschte ein Stück, der
Schlüssel auf der anderen Seite und schon konnte jeder lesen, jeder, der die
Reiter nicht schon erkannt hatte, dass diese Hose ein alternder Preppy gemacht
hat, einige sagen der erste echte Creative Director. Ab nach draußen,
Spaziergang, ich fand noch eine Sonnenbrille irgendwo und setze sie auf. Zehn
Minuten nur und die Menschen schienen feindselig zu werden, sie blickten mich
an, als wenn sie noch nie lange
Schlafanzughosen gesehen hätten oder als wenn unconstructed Blazer schon wieder
out waren…Dann gingen sie nach Hause und machten erst einmal Mitten im Leben
an, von gestern aufgenommen, weil man da noch echte Schicksale sieht, und weil
man da über die Menschen lachen kann, denen es noch schlechter geht, angeblich
schlechter, weil man sich so herrlich darüber echauffieren kann, wie das nur
sein kann und wie unmöglich die Welt doch ist. Aber man muss da differenzieren:
Es gibt Gelegenheitsgucker – die nehmen nur auf VHS auf, schlimm genug, meist
gelangweilte Gymnasiasten ab Klasse 7. Dann gibt es noch so ganz hartnäckige
Fälle, die haben eine Software auf dem Rechner, die automatisch alles
mitschneidet, die Werbung cuttet und das alles in eine streng durchsortierte
Ordnerstruktur abspeichert – und da sind dann schon die üblichen Kandidaten am
Werk, wo man schon weiß, dass man jetzt doch eigentlich keine Lust hat den
neuen Lidl-Angebostkatalog zu besprechen, deshalb sage ich dann immer, dass die
Preiserhöhung des Nutella-Verschnitts unter Umständen ja auch zu einem
Netto-Wohlfahrtsgewinn führen könnte und dass auch die Belegschaft daran
partizipieren könne. Dann sagen sie meistens „Jaja so ist das“ – Diskussion zu
Ende, A8 wieder ins Ohr zurückgekehrt, B&O to go. So gehe ich also die
abendlichen Straßen entlang und habe das Gefühl, dass hier am Ende alles in der
existenziell langweiligen grauen Badewanne landet, die ohne Whirlpool Funktion.
Deshalb gehe ich jetzt zu Hanna. Aber ich will bei Hanna nicht ohne Geschenk
auftauchen, weil Hanna auch immer etwas mitbringt, meistens ziemlich teure
Sachen aus irgendeiner Kollektion von X-„Home“, -„Casa“ oder –„House“, aus
irgendeinem Grunde niemals „Franchise Heimtextilien“. Deshalb gehe ich noch
kurz zu einem Spirituosen-Fachhandel, obwohl ihre Raumdüfte und Tagesdecken
viel schöner und einfallsreicher sind, aber Hanna ist auch schön und
intelligent, die hat im Gegensatz zu diesen anderen Leuten, die glauben das man
ein Sacko zur True Religion tragen kann, immer eine echte Assoziation mit
Marken, das mag ich sehr. In dem Laden kaufe ich zwei Flaschen Grey Goose mit
zwei Grey-Goose Gläsern in der Geschenkbox sowie zwei Liter gekühltes Tonic
Water von Schweppes und zahle mit der Maestro-Karte, weil die 100 Euro für den
Mobilitäts-Notfall gedacht sind. Hanna wohnt auch nicht so weit weg, aber ich
fahre dann trotzdem mit dem Taxi. Ich stehe dann vor ihrer Tür und klingle. Ich
habe hier schon ziemlich oft gestanden und meistens hatte ich ein Sacko an und
meistens auch Schlafanzughosen, aber noch nie die mit den Reitern, dass weiß
ich genau. Sie macht dann die Tür auf, so seriös, erst langsam und dann etwas
schneller und dann wieder langsam und tritt leicht zur Seite und sie lächelt,
unverbindlich, als wenn UPS irgendwas von Net-a-Porter bringt, aber sie freut
sich, denn vielleicht erwartet sie ja wirklich was von denen, kann ja sein,
Sale ist ja gerade vorbei, die neuen Sachen sind alle da. Dann schaut sie mich
an, drei Sekunden lang schaut sie mir in die Augen, dann lacht sie leise, aber
fröhlich und sagt: „Guten Abend Walter“. Da sage ich „Bon soir Hanna, ca va?“, „Oui
Oui, ca va…“, so begrüßte ich sie jetzt immer, nachdem ich das erste Mal in
einer SMS an sie einen Satz auf Französisch geschrieben hatte, damals
eigentlich nur um ein bisschen anzugeben, weil das zu einer Zeit war, als alle
Mädchen meinten, sie wären total in Paris verliebt, einige auch in London, die
meisten von ihnen wussten nicht so genau wo Belgravia lag, aber Hannah wusste
das schon da ganz genau und sie wusste auch, dass man Grey Goose mit vielem
mischen konnte, nur nicht mit Cola. Deshalb mochte ich sie immer sehr und wir
hatten uns dann auch von Zeit zu Zeit getroffen, meist alleine, dann waren wir
im Kino gewesen oder hatten im Park gelegen und dann waren wir meist zu ihr
gegangen und dann bin ich immer an ihrem Bücherregal vorbei gegangen und hab
mir ein Buch gesucht, es konnte wirklich alles sein, denn wirklich schlechte
Bücher hatte sie gar nicht, nur einige langweilige, und dann las ich immer
Teile dieses Buches, ich las sie ihr dann vor. In der Regel übernachtete ich
auch bei ihr und wir tranken dann immer Grey Goose, Grey Goose Blanc de Blancs
oder Grey Goose Tonic, und danach küssten wir uns und sie hatte dann schon
immer diesen seidenen, dunkelroten Kimono an und ich eben diese Hosen und diese
T-Shirts und diese Sackos und wir fanden das immer irgendwie sexy, eigentlich
fast etwas infantil, aber irgendwie war das alles immer als wenn wir gerade
gemeinsam spielten. Ich war heute auch wieder da und sie ließ mich rein und
fragte mich ob ich etwas zu essen haben wolle und ich lehnte dankend ab, aber
auf Toilette müsse ich schon. Obwohl ich den Weg kannte ging sie voran und sie
zeigte auf den Lichtschalter und meine Hand schnellte zu diesem und sie
berührte diese für einige Sekunden, „du weißt ja wo alles steht“. Danach kam ich wieder ins Wohnzimmer und setzte
mich zu ihr auf das Flexform-Sofa. Die Tüte mit dem Grey Goose hatte ich ihr
beim Reinkommen in die Hand gedrückt, denn ich tue nicht gerne so, als wäre es
ein Geschenk, denn eigentlich hatte ich ja auch ziemlich an mich gedacht, als
ich das Set kaufte. Sie goss nun eisbeschlagene Gläser bis zum Rand voll, nahm
ihres und sagte nur „Cheers“ „Cheers“. Wir hatten dann auch Sex in ihrem
Schlafzimmer und ich schlief irgendwann neben ihr ein, ich glaube das Bett
hatte sie von Minotti... Aufgewacht war ich dadurch, dass Hanna in ihrem
Kimono-Mantel auf meinem Bauch saß und mich fragte ob wir nicht heute
vielleicht mal was machen sollten, sie habe sonst alles da. Die Sonne war
aufgegangen und sie schien mir ins Gesicht, „Ich weiß, dass du viel zu tun hast…“
„Nein“, sagte ich, nein, wir sollten heute mal was machen, wir sollten am Tag
was machen. Ich bestellte mir dann noch
eine Tom Ford Sonnenbrille an ihrem Computer, die alte gefiel mir nicht mehr.
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