Es begann alles auf dieser Bank. Das war schon etwas
surreal, in einer Stadt, in der sonst keine Bänke irgendwo stehen ausgerechnet
auf einer Parkbank für zwei Stunden zu schlafen. Aber da standen drei
Gestalten, die noch etwas unklar waren, ein Strohhut, die Reinigungskraft und
dann diese beiden in komischen blauen Polos – Gärtner. Ich setzte mich auf und
sagte einige Worte in ihrer Sprache, ich erinnerte mich kaum noch an etwas, schaute dann auf meine Tasche uns öffnete den Reisverschluss – ich war noch betrunken
– und fand eine halb leere Flasche „King Robert II. Vodka“. Warum muss man nur in bestimmten Fällen so geschmacklos werden, wenn man betrunken ist, für das zehnfache hätten
wir schließlich auch Grey Goose haben können. Aber so war nur eine weitere
Flasche eines namenlosen Fusels ins Land gegangen. Aber was sollten wir jetzt
machen, Heinrich setzte sich auch auf. Die Sonne schien mir ins Gesicht und ich
erblickte die Central Library, mein Kopf tat nicht besonders weh und ich
wusste, ich wusste genau, dass ich Wechselsachen in meinem Duffle-Bag hatte.
Die Tatsache, dass ich eine Cord-Hose trug, verschlimmerte das Ganze nur,
weil es den billigen Schatten einer mit Brokat bezogenen Parkbank imitierte –
aber das hier war ein öffentlicher Park. Am VLT Automaten zogen wir uns erst
einmal einen Aquarius – wir waren nun in der Lage zu gehen und einigermaßen zu
koordinieren, was jetzt folgen sollte. Ich rief Hans an, denn, jetzt fiel es
mir wieder ein, wir sollten doch bei Hans schlafen, nur deshalb waren wir aus
Central nach Causeway Bay gekommen, wir hatten den Danzka vom Flughafen noch
geleert, aber Hans war trotzdem nicht zu erreichen gewesen, aber nun müssten
wir ihn doch erreichen können. Ich hasse diese Leute, die iPad 2 und iPhone 4
besitzen, Praktika bei Private Equity Firmen machen, deshalb hierher kommen und
trotzdem nicht in der Lage sind sich an einfache Abmachungen zu halten und
ihren mobilen Fernsprecher abzunehmen, wenigstens den Anstand zu sagen: Sorry,
ich bin hier gerade beschäftigt mit einer halb-nackt kotzenden Kate, wenigstens
diesen Anstand sollte man haben, dann wären wir vielleicht auf die Idee
gekommen an einem sinnvolleren Ort zu schlafen. Aber ja, wir hatten auch noch
woanders geschlafen, wir waren zuerst in der Lobby eines Express by Holiday Inn,
obwohl diese Untaten ja gar keine Lobby haben – aber da der China Travel
Service mit in dem Gebäude residiert, gibt es dort einen Cola Automaten sowie
zwei Sofas. Diese Sofas genügten uns, bis wir freundlich daraufhin gewiesen
wurden, dass man hier nicht schlafen könne. Ich hatte dann die glorreiche Idee,
dass, wenn man tagsüber in der U-Bahn manchmal einschlafe, man doch auch Nachts
so richtig in der U-Bahn schlafen könnte. Doch meine Octopus-Karte war
inzwischen leer und so musste ich sie aufladen, aber da meine gesamte Barschaft
an den Beijing-Club übergegangen war, brauchte ich einen Geldautomaten. Jetzt
ist es aber so, dass es in Causeway Bay, in Times Square nähe kaum brauchbare
Automaten gibt. Ich suchte also rest-betrunken fast eine halbe Stunde lang einen
Bankautomaten und schaffte es dann noch 1000 Hong Kong Dollar abzuheben. Ich
ging dann zurück zur Station, Heinrich schlief sitzend an die Wand gelehnt,
alles von sich gestreckt, um meine Octopus Karte aufzuladen und dann konnte ich
endlich durch das Drehkreuz gehen. Allerdings hatten wir auf halbem Weg
zwischen der ersten und der zweiten Station unbändigen Durst. Diesen zu stillen
vermochte nur ein 7-11 oder OK. Deshalb stiegen wir in Tin-Hau aus und ich
trank über 1.5 Liter direkt in Form von Pocari Sweat und Purified Water, ich
bezahlte natürlich bargeldlos mit meiner Octopus Karte. Dann war es mir wohl
eingefallen: Victoria Park…
Es klingelte. Hans nahm dann auch ab. Wir besprachen
uns kurz, meine Stimme war gänzlich derangiert. Als Treffpunkt wurde die
Bibliothek ausgemacht, da nach könnten wir dann zu ihm gehen und noch ein wenig
schlafen, denn die Planung, weswegen wir auch am Vortag nichts gegessen hatten,
war ja, sich heute zum Sunday Brunch im Conrad Hotel, genau gesagt im
Nicholini’s zu bewegen, dem Restaurant, welches 18 Mal in Folge zum besten Hong
Kong’s gewählt worden war. Wir sollten kurz warten und ihn dann erblicken, den
Finnen. Da kommt er mit seiner MK-Brille und irgendeiner Tiger of Sweden Hose –
dazu dieser Blick den man nur haben kann, wenn man einfach die kollektive
Überlegenheit über 99 Prozent der Erdbevölkerung am Abend vorher deklariert hat
und darauf anstieß, demnächst absolut gewissensloser Investment-Banker zu
werden. Dann gehen wir zu seinem Serviced-Appartment. Alles mächtig klein und
kostet seinen Arbeitgeber trotzdem in etwa fünfmal ALG-II pro Monat – dafür
gibt’s dann schon eine Nasszelle, die zwar aussieht wie in einem Prozess
gegossen, aber der Wahnsinn ist eigentlich, dass es ein Fenster gibt, durch das
auch wirklich Licht hereinscheint. Kate lag noch in seinem Bett und sie hatte
in Kleid aus einfachem Jersey, aber keinen BH an und ich war plötzlich von Neid
erfasst. Dann trank ich 920 ml Aquarius und auch noch Wasser. Dann legten wir
uns zu viert in das Bett denn woanders konnte man dort nicht schlafen. Da so
auch niemand schlief, schaute ich mir Facebook auf Hans‘ iPad 2 an. Nach einer
Stunde wurde mir übel. Ich bin das ganze Wasser wieder auskotzen gegangen,
hatte aber nichts mit dem Alkohol zu tun, war einfach zu viel gewesen. Wir legten uns fest – wir wollten zu
Nicholini’s, denn wir hatten nicht umsonst den Aufwand um Reservierung und
Warteliste gemacht, doch Enttäuschung befiel mich partiell: Es wurde
tatsächlich diskutiert, ob man Champagner trinken würde, wobei ich mich
festlegte, dass ich trinken würde, denn der Brunch wäre sonst nicht das
Gleiche. Zwanzig Minuten vor unserer Reservierung sagte ich dann, wir müssten
jetzt doch schon mal los – und so verließen wir das Gebäude und das war scheiße, weil
ich keine Sonnenbrille dabei hatte, dabei war es so hell und ich fühlte mich
komisch. Wir stiegen in ein Taxi und fuhren zum Conrad Hotel, Kate hatte jetzt
wieder einen BH an, aber das half alles nichts, die Tatsache, dass Hans sein
iPhone nicht befummeln konnte, führte dazu, dass wir den Beijing Club verlassen hatten
und ohne Mädchen endeten.
Alle Figuren und Ereignisse in diesem Blog sind fiktiv. Sämtliche Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind rein zufällig bedingt.
Donnerstag, 22. September 2011
Freitag, 16. September 2011
A330-200
Der untere Teil meines
Sitzes bewegte sich nach oben. Ob ich denn gerne Saft, Wasser oder Champagner hätte.
Ja hätte ich gerne, natürlich, letzteres. Es war dann tatsächlich Glas, welches
auf der breiten Armlehne stand, Geschmack, trocken bekannt. Schon fragte ich mich warum es nicht losging,
wir saßen ja nun alle, dann aber, der Blick nach hinten und 207 Antworten,
Terrakottafarbig verschwommen, Terrakotta gibt es ja jetzt überall, das ist so
schön mediterran, erinnert einen an das tolle Jahn-Reisen Hotel "Im maurischen
Stil", total authentisch, klasse. Ob ich noch etwas mehr Roederer,
Bestätigung fand sich in der Weinkarte, wolle, wollte ich. Ich brachte den Sitz
dann in eine aufrechte Position und begutachtete das Amenity Kit - gebrandete
EarPlugs, gebrandete Zahnbürste inklusive gebrandeter Zahnpasta, gebrandete
Schlafmaske, gebrandete Komfort-Latschen (die sind das wichtigste, die braucht
man zu Hause unentwegt) und überraschenderweise zwei 30ml-Reisegröße Tuben von
l'Occitane, was gut war, Handcreme und Moisturizer. Ich packte alles wieder in
die blaue Tasche und stellte sie auf die obere Kante des Vordersitzes, dort wo
die Flugbegleiterin sie abgestellt hatte. Wir begannen dann zu rollen,
anschnallen. Wir rollten und rollten und ich war erleichtert, dass neben mir
und auf den zwei Sitzen an der Fensterseite auch niemand saß, meine Tasche saß
neben mir, genauso wie das fast leere Glas Roederer, außerdem eine Plastikkugel
in Orange-Blau. Sie enthielt eine Spielzeugfigur der Aliens aus Toy Story und
war ein Geschenk, welches mir Lily gestern gegeben hatte. Wir waren zusammen in
Mong Kok gewesen, in einem dieser Shopping Center, die man nur als solche
erkennt, wenn man Hello Kitty als legitimes Designkonzept anerkennt. Da oben
also standen diese Automaten und sie sagte, ich würde morgen ja fliegen. Ich
hatte gesagt, die Aliens seien meine Lieblingsfigur, deshalb standen wir jetzt
vor einem Toy Story Automaten, aber wenn ich Pech hatte wäre ich mit Buzz
Lightyear, bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter, konfrontiert. Sie
steckte eine Münze in den Automaten und das Drehen versetzte mich in eine
wunderschöne Zeit, in der Spielzeuge an sich noch genug waren, als Penne Nudeln
und Soße mit Steinpilzen einfach nur keine Tomatensoße war, aber nun bekam der Alien
Signifikanz, ich würde nie wagen ihn auszupacken, er war so komplex geworden,
wie er einfach in meinem Kopf „Ohh, die Kralle“ sagte. Die Plastikkugel, es war
tatsächlich der Alien darin gewesen, war die Erinnerung an etwas, an jemanden,
konserviert in einer Banalität, aber nur sichtbar für zwei Personen. Ich nahm
sie in meine Hand und richtete den Blick nach draußen - Chep Lap Kok, es war
als wenn man mich gerade deportierte, nur halt etwas netter. Die vordere Achse
verließ den Boden, alle 10 Amenity Packs, tatsächlich 12 freie Plätze, fielen
zu Boden, ein synchroner Aufprall, wie der meiner Gedanken, die von der Kugel
angezogen wurden und dabei schwammen sie seicht auf dem Sitz, Liegeposition
jetzt und dem Blick auf einen unbekannten Schmerz, den das alles betäubte,
durch die Beinfreiheit schien jede Paranoia verschwunden.
Als wir etwa 25000 Fuß
erreicht hatten kam jetzt eine Stewardess auf mich zu und fragte mich, wie sie
mich ansprechen solle während des Fluges, ich überlegte kurz von Kaiser Wilhelm
bis König von Sandburgia und sagte dann: Jean. Dann erbat sie auf Englisch mit
diesem russischen Akzent meine Präferenz in Hinblick auf Reihenfolge der fünf
Gänge sowie der Frage ob ich überhaupt alle Gänge wünsche, selbstverständlich
wünschte ich alle Gänge. Die Frage nach der präferierten Getränkewahl, klar,
grundsätzlich Cola Light mit Eis und Zitrone, dazu den Sauvignon Blanc, aber
zum Appetizer ein Glas Champagner. Dann war sie wieder weg. Ich schaute
Fernsehen und nahm die Kugel alle paar Minuten in meine Hand, sie schien etwas
zu beruhigen. Ich schaute dann eine Dokumentation über den Bau des Shanghai
World Financial Centers - Die Pfahl-Platten-Gründung schien so herrlich
bodenständig, dass ich fast vergessen hätte, mich zurück zu lehnen, als der
Tisch ausgeklappt und eingedeckt wurde. Ich hätte ja gerne die Karte rauf und
runter getrunken, aber alleine war das irgendwie wie Bier in
Lidl-Plastikflaschen. Der Wein klang besser als er schmeckte, aber Champagner
war ja Gott sei Dank so eine Art Naturkonstante, die war vielleicht nicht
überall gleich, aber man konnte sich ungefähr vorstellen was man bekam. Ich lag
nun, in meiner Adidas Jogging Hose, grau, mit bunten Diesel-Socken und einem
Abercrombie und Fitch Holzfällerhemd auf einem Sitz-Bett - wie ein Hipster auf
dem Weg zum nächsten hip-tastischen Hotspot. Ich lag da also faul in einer
Flugzeugdecke mit Flugzeugkissen, bedruckt mit Werbung eines
Spirituosenherstellers, das wäre was für so eine Kleiderbox kam mir in den
Sinn. Da würden die allseits geliebten Kinder in Afrika dann in Vodka-Decken
gehüllt die Destillationsgrundlage für das Ernten, was bei Penny vorne an der
Kasse steht, für die, die sich trotz Vodka nie entscheiden mussten ob nun
Belvedere oder Grey Goose ihr Lieblingsvodka ist, die letztendlich irgendwie
das Ende dieser fatalen afrikanischen Supply Chain sind.
Ich vermisse Lily,
alleine fliegen ist scheiße. Dann kommt der Salat, Gang Nummer zwei, ist super,
die Doku ist jetzt vorbei, der Weißwein auch und deshalb nehme ich ein Glas vom
argentinischen Cabernet Sauvignon. Jetzt Simpsons und Musik abwechselnd, essen
im Liegen, nochmal die Bitte nach dem Brotkorb, Mini-Mohnbrötchen, ist
eigentlich ganz gut. Nach dem Essen nehme ich dann noch ein Glas Cognac, Hine.
An Whisky gab es nur Chivas Regal und der ist Schwellenländer-Gesöff, in Peking
mixen den alle mit diesem ekelhaft-süßen Tee, aber da gibt es auch mehr Tische
als Dancefloor Fläche im Club...Vorm Boarding hatte ich Lily noch kurz
angerufen, aber jetzt frage ich mich was wohl ist, wenn ich mal wieder komme,
ich kann die Frage nicht beantworten, vermutlich einfach eine weitere Episode
der gleichen Geschichte.
Wir sind bald da, in
einer Stunde, gut, weil die Toilette trotz nur 10 Benutzern leicht ramponiert
aussieht. Die Flugbegleiterin teilt Priotity Lane Kärtchen aus, für die Einreise,
aber ich steige sowieso nur um, habe sie dann auch gleich verlegt. Dann liegen
und Fernsehen schauen, ich nehme die Kugel in meine Hand, höre noch etwas Musik
mit den Kopfhörern. Wir sind dann irgendwann gelandet und Ich war aus dem
Flugzeug schnell raus. Am Flughafen kaufte ich noch eine Flasche Vodka, dann
habe ich mich zu T.G.I. Friday‘s gesetzt und Burger gegessen, dazu gab es dann
noch einen Long Island Ice Tea. Dieser könnte der Grund dafür gewesen sein,
dass ich mir dann vorstellte an irgendeinem abstrakten, transzendenten Ort zu
sein, aber das fühlte sich immer noch besser an, als am Flughafen zu sitzen. Die
Kugel war neben meinem Pass in meiner Hosentasche, in der kleinen braunen
Polyester-Tasche, eigentlich viel zu eng für den kleinen Alien, aber da war er
sicher, denn ohne ihn könnte ich nicht ankommen.
Dienstag, 13. September 2011
dash 8-400
Wolken, sie ziehen vorbei
wie Erinnerungen an vergangene Nächte
Die grünen Felder sind
wie das Dämmern des Tages, der einholenden Wahrheit
Doch ihr Blick ist
gefangen in meinem Kopf, totale Reflektion, wenn ich doch an etwas dächte
Denken könnte...wo ist
der Glanz der Perlen nun? Vergangen? Was ist geworden aus dem üppigen Geleit?
Aber es muss sein, keine
Wahl, richtig, herunter mit den Flügeln, sie seien verstaut
Zurück geglitten, doch
neues Licht scheint auch hier, neue Augen sehen neue Welt
Bangen auf das niemals
der Tag komme, an dem es uns brutal, unausweichlich vor den Türen graut
Hier. An bekannten orten
an denen es sie doch immer völlig gefangen hält
Ist das So?
Schlafanzughosen
Ich muss irgendwann aufgewacht sein, dachte ich noch, denn
nun sah ich das Zimmer, in dumpfes Licht getaucht, es schien keine Sonne
herein. Es war wohl ein Gewitter aufgezogen, aber vielleicht war es auch schon
längst Abend oder früher Morgen – war irgendwie egal. So blieb ich dann noch
liegen und blätterte durch eine „World of Interiors“ – sie priesen schon wieder
den neuen Style in Nordafrika, so in der Art „Medina-Deluxe“ und ich fragte
mich ob Coca-Cola während dieses Arabischen Frühlings, wie sie ihn jetzt nennen,
überhaupt noch seine gesamte Produktpalette in die Krisenregionen hatte liefern
können. Aufstehen dann, natürlich nur in langer Hose, mit kleinen Polo-Spielern
drauf, damit auch jeder Sehbehinderte registrierte, dass Ralph Lauren da war,
oben rum trug ich nichts, das machte ich immer so. Als ich an der Fensterfront
stand wurde deutlich, dass dort draußen tatsächlich die Sonne schon
untergegangen war und ich musste wohl geschlafen haben, aber was genau passiert
war, das wusste ich nicht mehr so genau, es war aber alles noch da,
Speedmaster, Neiman Marcus Cardholder, Visa Karte, Maestro Karte, 100 Euro, der
sechseckige Caran d’Ache in Metallic-Blau, sowie die 5ml Flasche Terre d’Hérmes
und auch die Lanvin Socken. Meine Acne Jeans fand ich im Bad, was mich
beruhigte, es dauerte ewig guten Stoff einzutragen, trotz 2 Prozent
Elasthan-Anteil. Dann sah ich noch die Ray Ban auf dem Sideboard im Flur und
alles war da. Nachdem ich etwas Sprite Zero getrunken und einige M&M’s,
aber Crispy, nicht die doofen mit Nuss, zu mir genommen hatte, entschied ich,
dass ich nach draußen musste. Aus meinem
Kleiderschrank griff ich mir das Unconstructed Jacket, in so einem blassen
grau, sowie ein weißes V-neckt T-Shirt von Moschino Mare, 5 Prozent Elasthan. Das
warf ich mir dann alles über. Im Schuhschrank fand ich meine dunkelbraunen
Docksides wieder, sie waren noch gebunden, also schlupfte ich einfach rein.
Dann packte ich noch ein Paket Pocari Sweat-Pulver in meine Sacko-Innentasche
und steckte mein Handy in die Tasche der Hose, die rutschte ein Stück, der
Schlüssel auf der anderen Seite und schon konnte jeder lesen, jeder, der die
Reiter nicht schon erkannt hatte, dass diese Hose ein alternder Preppy gemacht
hat, einige sagen der erste echte Creative Director. Ab nach draußen,
Spaziergang, ich fand noch eine Sonnenbrille irgendwo und setze sie auf. Zehn
Minuten nur und die Menschen schienen feindselig zu werden, sie blickten mich
an, als wenn sie noch nie lange
Schlafanzughosen gesehen hätten oder als wenn unconstructed Blazer schon wieder
out waren…Dann gingen sie nach Hause und machten erst einmal Mitten im Leben
an, von gestern aufgenommen, weil man da noch echte Schicksale sieht, und weil
man da über die Menschen lachen kann, denen es noch schlechter geht, angeblich
schlechter, weil man sich so herrlich darüber echauffieren kann, wie das nur
sein kann und wie unmöglich die Welt doch ist. Aber man muss da differenzieren:
Es gibt Gelegenheitsgucker – die nehmen nur auf VHS auf, schlimm genug, meist
gelangweilte Gymnasiasten ab Klasse 7. Dann gibt es noch so ganz hartnäckige
Fälle, die haben eine Software auf dem Rechner, die automatisch alles
mitschneidet, die Werbung cuttet und das alles in eine streng durchsortierte
Ordnerstruktur abspeichert – und da sind dann schon die üblichen Kandidaten am
Werk, wo man schon weiß, dass man jetzt doch eigentlich keine Lust hat den
neuen Lidl-Angebostkatalog zu besprechen, deshalb sage ich dann immer, dass die
Preiserhöhung des Nutella-Verschnitts unter Umständen ja auch zu einem
Netto-Wohlfahrtsgewinn führen könnte und dass auch die Belegschaft daran
partizipieren könne. Dann sagen sie meistens „Jaja so ist das“ – Diskussion zu
Ende, A8 wieder ins Ohr zurückgekehrt, B&O to go. So gehe ich also die
abendlichen Straßen entlang und habe das Gefühl, dass hier am Ende alles in der
existenziell langweiligen grauen Badewanne landet, die ohne Whirlpool Funktion.
Deshalb gehe ich jetzt zu Hanna. Aber ich will bei Hanna nicht ohne Geschenk
auftauchen, weil Hanna auch immer etwas mitbringt, meistens ziemlich teure
Sachen aus irgendeiner Kollektion von X-„Home“, -„Casa“ oder –„House“, aus
irgendeinem Grunde niemals „Franchise Heimtextilien“. Deshalb gehe ich noch
kurz zu einem Spirituosen-Fachhandel, obwohl ihre Raumdüfte und Tagesdecken
viel schöner und einfallsreicher sind, aber Hanna ist auch schön und
intelligent, die hat im Gegensatz zu diesen anderen Leuten, die glauben das man
ein Sacko zur True Religion tragen kann, immer eine echte Assoziation mit
Marken, das mag ich sehr. In dem Laden kaufe ich zwei Flaschen Grey Goose mit
zwei Grey-Goose Gläsern in der Geschenkbox sowie zwei Liter gekühltes Tonic
Water von Schweppes und zahle mit der Maestro-Karte, weil die 100 Euro für den
Mobilitäts-Notfall gedacht sind. Hanna wohnt auch nicht so weit weg, aber ich
fahre dann trotzdem mit dem Taxi. Ich stehe dann vor ihrer Tür und klingle. Ich
habe hier schon ziemlich oft gestanden und meistens hatte ich ein Sacko an und
meistens auch Schlafanzughosen, aber noch nie die mit den Reitern, dass weiß
ich genau. Sie macht dann die Tür auf, so seriös, erst langsam und dann etwas
schneller und dann wieder langsam und tritt leicht zur Seite und sie lächelt,
unverbindlich, als wenn UPS irgendwas von Net-a-Porter bringt, aber sie freut
sich, denn vielleicht erwartet sie ja wirklich was von denen, kann ja sein,
Sale ist ja gerade vorbei, die neuen Sachen sind alle da. Dann schaut sie mich
an, drei Sekunden lang schaut sie mir in die Augen, dann lacht sie leise, aber
fröhlich und sagt: „Guten Abend Walter“. Da sage ich „Bon soir Hanna, ca va?“, „Oui
Oui, ca va…“, so begrüßte ich sie jetzt immer, nachdem ich das erste Mal in
einer SMS an sie einen Satz auf Französisch geschrieben hatte, damals
eigentlich nur um ein bisschen anzugeben, weil das zu einer Zeit war, als alle
Mädchen meinten, sie wären total in Paris verliebt, einige auch in London, die
meisten von ihnen wussten nicht so genau wo Belgravia lag, aber Hannah wusste
das schon da ganz genau und sie wusste auch, dass man Grey Goose mit vielem
mischen konnte, nur nicht mit Cola. Deshalb mochte ich sie immer sehr und wir
hatten uns dann auch von Zeit zu Zeit getroffen, meist alleine, dann waren wir
im Kino gewesen oder hatten im Park gelegen und dann waren wir meist zu ihr
gegangen und dann bin ich immer an ihrem Bücherregal vorbei gegangen und hab
mir ein Buch gesucht, es konnte wirklich alles sein, denn wirklich schlechte
Bücher hatte sie gar nicht, nur einige langweilige, und dann las ich immer
Teile dieses Buches, ich las sie ihr dann vor. In der Regel übernachtete ich
auch bei ihr und wir tranken dann immer Grey Goose, Grey Goose Blanc de Blancs
oder Grey Goose Tonic, und danach küssten wir uns und sie hatte dann schon
immer diesen seidenen, dunkelroten Kimono an und ich eben diese Hosen und diese
T-Shirts und diese Sackos und wir fanden das immer irgendwie sexy, eigentlich
fast etwas infantil, aber irgendwie war das alles immer als wenn wir gerade
gemeinsam spielten. Ich war heute auch wieder da und sie ließ mich rein und
fragte mich ob ich etwas zu essen haben wolle und ich lehnte dankend ab, aber
auf Toilette müsse ich schon. Obwohl ich den Weg kannte ging sie voran und sie
zeigte auf den Lichtschalter und meine Hand schnellte zu diesem und sie
berührte diese für einige Sekunden, „du weißt ja wo alles steht“. Danach kam ich wieder ins Wohnzimmer und setzte
mich zu ihr auf das Flexform-Sofa. Die Tüte mit dem Grey Goose hatte ich ihr
beim Reinkommen in die Hand gedrückt, denn ich tue nicht gerne so, als wäre es
ein Geschenk, denn eigentlich hatte ich ja auch ziemlich an mich gedacht, als
ich das Set kaufte. Sie goss nun eisbeschlagene Gläser bis zum Rand voll, nahm
ihres und sagte nur „Cheers“ „Cheers“. Wir hatten dann auch Sex in ihrem
Schlafzimmer und ich schlief irgendwann neben ihr ein, ich glaube das Bett
hatte sie von Minotti... Aufgewacht war ich dadurch, dass Hanna in ihrem
Kimono-Mantel auf meinem Bauch saß und mich fragte ob wir nicht heute
vielleicht mal was machen sollten, sie habe sonst alles da. Die Sonne war
aufgegangen und sie schien mir ins Gesicht, „Ich weiß, dass du viel zu tun hast…“
„Nein“, sagte ich, nein, wir sollten heute mal was machen, wir sollten am Tag
was machen. Ich bestellte mir dann noch
eine Tom Ford Sonnenbrille an ihrem Computer, die alte gefiel mir nicht mehr.
Donnerstag, 8. September 2011
Das Saft-Goldbären-Komplott
Vor einer halben Stunde habe ich mir die letzte Hand Haribo-Saft-Goldbären in den Mund geschüttet, da lag ich bereits etwa 20 Minuten in der Badewanne. Weitere 20 Minuten später wurde mir schlecht. Nun, eine weitere Viertelstunde später registriere ich, wie die Gummibärchen in meinem Magen geradewegs in einem Moor aus Trueffel-Pâté und Meersalz-Butter ertrinken und dabei nicht einmal traurig schauen, sie gehen wenigstens bornierter zu Grunde als die meisten ihrer fahlen 87Cent-Regal-Freunde, sie sind sozusagen die Avantgarde dieser Suizid-Truppe. Nur ein Gedanke beschäftigt mich jetzt noch wirklich: Was wäre wenn jemand so dreist wäre und genau jetzt, in diesem Moment seine 87Cent-22prozent-Fruchtsaftanteil-Haribo-Saft-Goldbären in Champagner zu ertrinken wagen würde, möglichst noch in einer Menge, die anteilig gerechnet den Preis des 13 Euro Pâtés übersteigt. Ein unerträglicher Gedanke, weswegen ich unverzüglich eine Flasche Roederer kalt stelle und einen Eiskübel vorbereite - solange diese Deserteure noch in meinem Bauch sind muss ich sie mit einem Tsunami aus Blasen ertränken, bevor es dieser andere Mistkerl tut.
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