Montag, 5. März 2012

Teleskopgriff

Der Rucksack hat ein Teleskopgriff. Nicht nur die Kinder von Ökoterroristen sondern auch der gemeine deutsche Jugendliche verlässt sich nun also auf Rucksäcke mit Rollen und Teleskopgriffen. Diese Backpacker waren tatsächlich so weit gegangen ernsthaft nicht einmal mehr ihre eigene Klassifizierung zu bewahren, sie traten also nicht nur das Reisen als Phänomen des 20. Jahrhunderts mit Füßen, sondern verhöhnten ihre eigene Orientierungslosigkeit auch noch, ihr Schuhe Ausziehen und Hinlegen auf die freien Sitze war genauso eine verblasste Reminiszenz an die Erste-Klasse-Sitze der neuen A380 First Class Kabinen wie ihre Rucksäcke mit Teleskopgriffen die verkümmerten Kopien von Rimowa Cabin Size Gepäck. Die Pseudoideologie des Backpackers müsste in der Endkonsequenz zu Damier Graphite führen, stattdessen endet die Liebe der eigenen Anspruchslosigkeit in diesem Rucksack auf Rollen - ein Derivat des Scheiterns, sie sind damit die Parasiten, die alles zersetzen. Ihre Gleichgültigkeit frisst uns auf, so, wie sie eine morbide Faszination für abgelaufene Dosenerbsen induzieren und diese angebliche Postkonsumption ist doch nur eine Erscheinung der Abhängigkeit, monotoner Uniformität ohne Ziel, wir müssen sie überwinden denn sie stellen nichts dar, sie sind die Illusion auf der Straße, welche diese so trostlos werden lässt.

So lag er in einer Mini-Suite, gedämpft die Vierstrahlmaschine belauschend. Eine Krankenschwester, ihre Maße schienen perfekt, sie trug einen weißen Seidenkimono Morgenmantel von Agent Provocateur, brachte Champagner - er trug eine lange weiße Hose aus einem Kaschmir-Seide-Baumwolle Blend. Sie goß das Grande Cuvee über seinen Kopf, setzte sie auf sein Gesäß und blickte, ja starrte ihn an, offensiv, unausweichlich, die Konfrontation. Sie nahm noch mehr Grande Cuvee und übergoss ihn weiter, nahm nun einige Schluckee und übergoss sich selbst, aber das Gewand verfärbte sich nicht. Sie lag dann neben ihm und sie übergoss sie beide weiter, die Flasche war nun leer. Er schloss einen Arm um ihre Schultern und sah danach kurz ein weißes Licht aufblitzen, als wäre das Leselicht plötzlich vielfach zu stark in seiner primitiv linearen Leuchtkraft und den Gang runter, aus der Economy Class schwebend, kamen die Backpacker, sie trugen Damir Doma Infinity Jackets und sie lachten. Er spürte etwas an seinem Arm herunter fließen und es war Blut. Die Krankenschwester regte sich nicht mehr, er schlug die Flasche gegen den Sitz und trat in den Gang, jenen, in ihren schwarzen Roben und den Walter van Beirendonck Leggins entgegen, so stand er da in seiner blutrot verfärbten Hose und einem blutüberströmten Oberkörper. Er rammte die Flasche in die asketische Wampe des Backpackers, der brach zusammen, sich mit lautem Lachen entblößend, die Brust offenbarend, gebrandmarkt mit double-happiness-Symbolen, ein heißes Eisenwerkzeug in einer Gasse in Shenzen, entzündetes Fleisch, offene Wunde, die Glassplitter ließen den Eindringling ausbluten. Er saß dann dort und das Flugzeug flog weiter. Eine Stewardess kam und sagte es stehen noch ein Sitz für ihn bereit, sie kümmere sich darum, dabei blickte sie auf die verrrängte, reglose Gestalt.
"Wie konnte dieses Individuum überhaupt den Class Divider überwinden?"
"Darf ich Ihnen noch etwas bringen? Noch Grande Cuvee?"
"Wann werden wir landen?"
"Gegen 10:00 Uhr"
Ich sah um zehn auf die Uhr und wir flogen noch immer, auf dem Bildschirm wählte ich Musik, "Moonage Daydream". Der Gang war frei, ich wollte im Bordshop Bose QuietComfort kaufen. Die Backpacker waren verräumt. Die Krankenschwester wohl auch.

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